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Als WissMit oder Referendar:in in Big Law – Was du wissen willst, bevor es losgeht

Du beginnst in Kürze deine erste Tätigkeit in einer Großkanzlei – als Praktikant:in, WissMit oder Referendar:in? Die Stelle ist zugesagt, die Bewerbungsphase abgeschlossen. Offen bleibt, was dich im Arbeitsalltag tatsächlich erwartet und wie du den größtmöglichen Lernertrag aus der Zeit ziehst. Dieser Beitrag bündelt praktische Hinweise für den Einstieg in die Großkanzlei.

Vor über vier Jahren habe ich meine erste WissMit-Stelle in einer Großkanzlei begonnen. Seitdem durfte ich über 15 Monate lang Erfahrung in drei verschiedenen Kanzleien, Teams und Bereichen sammeln. Ein paar Tipps, die ich gerne zu meinem Einstieg gewusst hätte:


1. Einstieg

Unsicherheit zu Beginn ist normal. Alle Kolleg:innen waren irgendwann in der gleichen Situation. Die meisten können sich in deine Situation hineinversetzen und wissen, wie aufregend und teils überfordernd die erste Zeit ist. Und die meisten wollen auch, dass du eine gute Zeit hast, etwas lernst und dich weiterentwickelst. Wenn es manchmal nicht so wirkt, kann dies auch an knappen Zeitressourcen der Anwält:innen liegen. Was dich vor deinem ersten Tag interessieren könnte, ist die Frage nach dem Dresscode. Schaue dir auf Instagram oder LinkedIn Fotos von Kanzleiveranstaltungen an. So lässt sich einschätzen, wie Business Casual oder Smart Casual konkret gelebt wird.


2. Netzwerk und Kontakte

Meistens bilden sich in den Kanzleien Gruppen von Praktikant:innen, WissMit oder Referendar:innen, die jeden Mittag zusammen essen gehen. Das ist hilfreich, um sich in der Gruppe einzufügen und auszutauschen. Die nächste Disziplin ist dann, auch mit Personen außerhalb dieser Bubble, die man ohnehin den ganzen Tag um sich hat, Essen zu gehen. Vielleicht sind Studienkolleg:innen, jemand, den oder die du mal bei einer Veranstaltung kennengelernt hast oder andere Bekannte auch gerade in der Stadt? Trefft euch zum Mittagessen. Du hast jemanden auf LinkedIn gesehen, den du spannend findest? Schreibe ihm oder ihr eine kurze Nachricht, warum du dich gerne mit der Person austauschen möchtest und frage nach einem Lunch Date oder Coffee Date. Der Griff zum Hörer bei späteren Fragen ist einfacher, wenn man vorher schon einmal informell gesprochen hat. Außerdem helfen die Gespräche, die Möglichkeiten, die dir offenstehen, auszuloten.


3. Kapazitäten

Sag ja – zu Projekten, Zusatzaufgaben, Veranstaltungen und allem anderen. Chancen erkennt man selten im Voraus. Viele Kanzleien bieten Rahmenprogramme für ihre WissMits und Referendar:innen an. Dabei geht es teilweise um inhaltliche Themen, teils um Freizeitveranstaltungen. Nimm diese Events mit – hier lernst du deine Kolleg:innen noch besser kennen.Auch Aufgaben im Pro Bono-Bereich, die gerne an WissMits und Referendar:innen vergeben werden, sind eine gute Möglichkeit, Eigenständigkeit zu trainieren und über den Tellerrand hinauszublicken. Gleichzeitig sind die eigenen Kapazitäten begrenzt. An manchen Tagen ist kaum etwas zu tun und manchmal wollen alle auf einmal etwas. Deshalb ist es wichtig, dass du deine Kapazitäten frühzeitig kommunizierst und es bei den Personen, von denen du die Aufgaben bekommst, ansprichst. Die Priorisierung ist selten etwas, was du überblicken kannst. Häufig ist eine Aufgabe dringender als die andere. Dies können dir die Anwält:innen am besten sagen.

 
4. Arbeitspraxis

Bereite dich vor, wenn du nach Aufgaben fragst. Diese werden häufig spontan vergeben. Habe immer etwas zu schreiben dabei. Denn die Aufgaben können sehr komplex sein und hinterher wirst du froh sein, dir Notizen gemacht zu haben, auf die du zurückgreifen kannst. Wenn du die Aufgabe bekommst, stelle sicher, dass du alle Informationen hast, um diese Aufgabe zu bearbeiten. Wer ist der Mandant? Gibt es vergleichbare Vorarbeiten? Hat sich die Anwältin bereits eigene Gedanken darüber gemacht und möchte von dir nur eine Review oder startest du „from scratch“?

Frage unbedingt auch nach, bis wann du die Aufgabe erledigen sollst. Außerdem ist für dich interessant, in welchem Format oder Stil du arbeiten sollst – Stichpunkte, Maildraft, Memo etc. reduziert Missverständnisse. Schreibe deine Arbeitsergebnisse so, wie es dir angetragen wurde. Was sich aber relativ gut verallgemeinern lässt: Schreibe das Ergebnis an den Anfang der Mail oder des Memos. Denn das ist das, was am meisten interessiert. Diese Struktur entspricht der internen Arbeitsweise und der späteren Mandantenkommunikation. Sorgfalt ist zwingend. Dass das Arbeitsergebnis keine Flüchtigkeitsfehler enthalten sollte, versteht sich von selbst. Lies besser noch einmal oder am besten mehrmals drüber. Hilfreich ist es, die Aufgabe in eigenen Worten zusammenzufassen und rückzuspiegeln.

Oft bekommt man als WissMit oder Referendar:in nur eine kleine Aufgabe im großen Ganzen. Damit diese hilfreich ist, sollte man den eigenen Arbeitsschritt im Gesamtzusammenhang verstehen. Denke eigenständig mit. Dies dient auch dazu, darüber hinausgehend zu lernen.

 
5. Fragen und Feedback

Die Zeit ist immer knapp. Und du wirst viele Fragen haben. Aus Respekt vor der Zeit anderer solltest nicht bei jeder Frage deren Arbeit unterbrechen. Ein guter Weg, um nicht zu viel aufzuhalten und trotzdem weiterzukommen: Bündele deine Fragen und vereinbare kurze Slots, um diese Fragen zu klären. Dabei gilt auch: Alles, was Google, KI, die eigenen Notizen oder das Dokumentenmanagementsystem in Minuten klären können, sollte dort gesucht werden. Bevor Stillstand droht, frage nach. Das spart am Ende Zeit für alle. Feedback fällt hier und da der knappen Zeit zum Opfer, ist aber wichtig für dich, um zu lernen und besser zu werden. Deshalb fordere dies in angemessenem Rahmen ein, zum Beispiel am Ende einer Aufgabe. Habe aber Verständnis, wenn dies nicht immer möglich ist. Und bei Verbesserungsbedarf gilt: Eine Steh-auf-Mentalität ist elementar, um den hohen Erwartungen gerecht zu werden. Nimm negatives Feedback nicht persönlich.

 
6. Selbstorganisation

Niemand erklärt dir, wie du deine Inbox pflegst, welches Notizsystem zu dir passt und wie du die Menge an Input verarbeitest. Versuche, dies an deine Arbeitsweise anzupassen.

Erstelle beispielsweise Ordner in deinem Outlook-Posteingang für jedes Projekt und verschiebe die Mails händisch dorthin, um den Überblick zu behalten und deine Inbox leer zu halten. Darüber hinaus kannst du mittels der Regelfunktionen in Outlook auch automatisches Verschieben einstellen. Viele Kanzleien bieten auch Trainingsmöglichkeiten rund um Selbstmanagement und Organisation. Das Lernen im Berufsleben ist grundlegend anders als im Studium oder Referendariat. Die meisten Dinge stehen nicht im Lehrbuch. Entscheidend ist nicht, dass du alles weißt, sondern dass du lernfähig bist. Ein Gamechanger für eine nachhaltige Wirkung deiner Tätigkeit ist das Erstellen eines eigenen Wikis. Hierin kannst du Inhalte, Abläufe und Learnings festhalten und neues Wissen für später konservieren. Halte dich an die Geheimhaltungsvereinbarungen der Kanzlei. Führe außerdem eine Liste mit deinen Aufgaben – dies brauchst du spätestens für das Arbeitszeugnis. Bonus: Halte Feedback fest. Positives Feedback hilft deinem Selbstvertrauen und negatives lehrt.

Halte Feedback fest. Positives Feedback hilft deinem Selbstvertrauen und negatives lehrt.

Victoria Fricke, LL.M. (McGill)

Victoria Fricke ist Volljuristin und in Kürze Rechtsanwältin in einer Großkanzlei. Sie studierte Rechtswissenschaften an der Leibniz Universität Hannover und der McGill University in Montreal. Ihr Referendariat absolvierte sie am Oberlandesgericht Braunschweig mit Stationen im Bundeskanzleramt, einer Großkanzlei und einem Unternehmen. Sie hat seit 2021 in mehreren internationalen Großkanzleien in den Rechtsgebieten Insolvenzrecht und Corporate / M&A gearbeitet.

Bild: Mara Monetti