Paragraphin Merle nimmt uns mit ins Herz Europas und blickt mit uns hinter die Kulissen des Europäischen Parlaments
Das Jurastudium folgt auf den ersten Blick einem klaren Ablauf. Vieles scheint strukturiert und vorgegeben. Und doch gibt es innerhalb dieses Rahmens Momente, in denen man selbst entscheiden kann, wie weit man diesen Weg öffnet. Und so entschied ich mich für ein Pflichtpraktikum in Brüssel.
Schon während meines Studiums habe ich gemerkt, dass mich die europäischen Bezüge im Recht interessieren. Während vieles im Jurastudium stark national geprägt ist, hat mir genau dieser erweiterte Blick gefallen. Spätestens mit meiner Europarechts Hausarbeit wurde mir klar, dass ich mich intensiver mit europäischen Zusammenhängen beschäftigen möchte.
Die Entscheidung für Brüssel ist bei mir jedoch nicht von heute auf morgen gefallen. Brüssel bedeutete für mich, meine Komfortzone zu verlassen. Ich war zuvor noch nie für längere Zeit allein im Ausland und zweifelte lange daran, ob ich dieser Herausforderung gewachsen bin. Die Vorstellung, alleine in eine fremde Stadt zu ziehen, in einem internationalen Umfeld zu arbeiten und täglich mit verschiedenen Sprachen konfrontiert zu sein, hat mich bis zu meinem ersten Tag begleitet.
Gleichzeitig befand ich mich an einem Punkt im Studium, der Raum für genau diesen Schritt ließ. Nach dem Abschluss meines Schwerpunkts ergab sich eine viermonatige Phase zwischen dem Ende dieses Studienabschnitts und dem Beginn des Repetitoriums. Für mich war das die perfekte Gelegenheit, meinen bisherigen Weg zu bewusst zu erweitern.
Die Bewerbung für mein Praktikum erfolgte unkompliziert, dafür mit viel Vorlauf. Da die Trainee Plätze stark begrenzt sind, habe ich mich rund eineinhalb Jahre vor dem geplanten Beginn per Mail beworben. In meiner Bewerbung stellte ich mich selbst vor, erläuterte meine Motivation und erklärte, warum ich mich für genau dieses Praktikum interessiere. Nach einer ersten Rückmeldung folgte ein Telefongespräch und damit die Zusage.
Dieser Moment war mit großer Freude verbunden und gleichzeitig der Punkt, an dem mir bewusst wurde, dass Brüssel nun wirklich Realität wird. Mit der Zusage begann die konkrete Vorbereitung auf das Praktikum und damit auch die Phase, in der aus einer Idee ein tatsächlicher Lebensabschnitt wurde.
In organisatorischer Hinsicht ist Brüssel überschaubar, dennoch sollte man insbesondere die Wohnungssuche nicht unterschätzen. Bezahlbarer Wohnraum ist begrenzt, weshalb eine frühzeitige Planung entscheidend ist. Neben speziellen Angeboten für Trainees habe ich mich letztlich für ein AirBnB entschieden. Eine große Unterstützung war dabei die finanzielle Aufwandsentschädigung, die Praktikantinnen und Praktikanten im Europäischen Parlament erhalten. In meinem Fall reichte diese aus, um die Miete zu decken.
Am 05.01.2026 war es dann soweit. Der Start als Trainee im Europäischen Parlament, der Teil, auf den ich mich am meisten gefreut und vor dem ich gleichzeitig am meisten Respekt hatte. Bevor es jedoch richtig losgehen konnte, stand die Akkreditierung an und ich erhielt mein persönliches Badge. Ein kleines Stück Plastik, ohne das im Europäischen Parlament nichts funktioniert und sich wie eine Eintrittskarte in eine neue Welt anfühlte. Ab diesem Moment gehörte auch der tägliche Security Check, der eher an einen Flughafen erinnert, fest zu meinem Alltag.
Das Parlament wirkte anfangs überwältigend, fast wie eine eigene kleine Stadt. Besonders der erste Stock verstärkte diesen Eindruck: Supermarkt, Mensa, Kiosk, Fitnessstudio, Wäschestudio und sogar ein Friseur befinden sich hier.
Am eindrucksvollsten war für mich jedoch der dritte Stock. Hier konzentriert sich das politische Geschehen: Plenarsaal, die Ausschussräume, Protokollräume für bilaterale Gespräche mit Delegationen und Botschaftern sowie Fernsehstudios und Interviewbereiche.
Was mich selbst überrascht hat, war, wie schnell sich dieses Gefühl der Überforderung gelegt hat. Schon nach einer Woche fühlte sich das riesige Gebäude nicht mehr wie ein Labyrinth an, sondern wie ein ganz normaler Arbeitsplatz.
Der Arbeitsalltag im Europäischen Parlament ist geprägt von einer besonderen Mischung aus Routine und außergewöhnlichen Momenten. Einerseits gibt es feste Abläufe im Büro, andererseits immer wieder Termine und Begegnungen, die verdeutlichen, wie nah man hier am politischen Geschehen arbeitet. Gerade diese Kombination hat meinen Praktikumsalltag besonders abwechslungsreich gemacht.
Zu meinen Aufgaben gehörte vor allem die Recherche zu aktuellen sicherheits- und außenpolitischen Themen. Ich habe Termine inhaltlich vorbereitet, Hintergrundinformationen zusammengestellt, bei der Beantwortung von Bürgeranfragen unterstützt und an schriftlichen Stellungnahmen mitgewirkt.
Besonders interessant waren für mich die Begleitungen zu Terminen und Sitzungen. Treffen mit Delegationen und Botschaftern sowie die Teilnahme an Sitzungen des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten haben mir gezeigt, wie komplex politische Prozesse auf europäischer Ebene tatsächlich sind und wie viel Abstimmung, Kommunikation und Diplomatie nötig sind, bevor Entscheidungen sichtbar werden.
Zu den prägendsten Momenten meines Praktikums im Europäischen Parlament zählte ein persönliches Gespräch mit der Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad, die sich als jesidische Überlebende des IS bis heute eindrucksvoll für die Rechte von Frauen und Minderheiten einsetzt. Spannend war auch ein bilaterales Treffen mit einer grönländischen Delegation, bei dem aktuelle internationale Fragen aus grönländischer Perspektive diskutiert wurden. Einen bleibenden Eindruck hinterließ zudem der Besuch des NATO Generalsekretärs Mark Rutte, der die Bedeutung europäischer Sicherheit und transatlantischer Zusammenarbeit verdeutlichte. Mein persönliches Highlight war das bilaterale Gespräch mit dem chinesischen Botschafter, das mir eindrücklich vor Augen führte, wie europäische Außenpolitik im Spannungsfeld unterschiedlicher politischer Narrative gestaltet wird.
Der Alltag im Europäischen Parlament ist geprägt von Mehrsprachigkeit. Die verschiedenen Sprachen begegnen einem hier ständig und oft gleichzeitig. Ein kleines, aber sehr typisches Beispiel ist der Aufzug. Während der Fahrt wird auf Englisch diskutiert, auf Italienisch telefoniert und auf Deutsch gegrüßt. Spätestens hier wird deutlich, wie international dieser Ort tatsächlich ist.
In der Praxis ist Englisch die zentrale Arbeitssprache, während Französisch im Alltag außerhalb des Büros eine große Rolle spielt. In meinem konkreten Arbeitsumfeld war Deutsch vorherrschend, da ich im Büro eines deutschen Abgeordneten tätig war.
Jenseits des Parlaments habe ich Brüssel als das erlebt, was es oft genannt wird: das Herz Europas. Die Vielzahl der EU-Institutionen prägen nicht nur den Arbeitsalltag, sondern ebenso das Erscheinungsbild der Stadt. Unterschiedliche Kulturen und Sprachen prägen hier ganz selbstverständlich den Alltag und machen die Stadt offen und lebendig. Neben der Arbeit waren es vor allem die kleinen Dinge, die meine Zeit in Brüssel geprägt haben. Spaziergänge durch die verschiedenen Viertel, kurze Pausen in Cafés und nicht zuletzt meine neu entdeckte Liebe zu den Lütticher Waffeln.
Mein Pflichtpraktikum im Europäischen Parlament war für mich in vielerlei Hinsicht eine besondere Erfahrung. Fachlich durfte ich europäische Politik aus nächster Nähe erleben. Mindestens genauso wichtig war jedoch die persönliche Entwicklung.
Der Schritt aus meiner Komfortzone war herausfordernd, aber genau darin lag der größte Gewinn. Brüssel hat mir gezeigt, dass Zweifel dazugehören dürfen, aber nicht darüber entscheiden sollten, welche Chancen man ergreift.
Der Schritt aus meiner Komfortzone war herausfordernd, aber genau darin lag der größte Gewinn.
Merle Holzapfel
Merle Holzapfel studiert Rechtswissenschaft an der Universität Bremen und befindet sich aktuell in Ihrer Examensvorbereitung. Ihr besonderes Interesse gilt dem Strafrecht, insbesondere den psychologischen Hintergründen von Straftaten und der Frage, was Menschen zu bestimmten Handlungen bewegt. Seit März 2026 ist sie aktives Mitglied bei den Paragraphinnen und engagiert sich daneben beim Weißen Ring.