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Dr. Iur. in progress: 10 Dinge, die mich die Doktorarbeit über das Schreiben hinaus bisher gelehrt hat

Promotion bedeutet weit mehr als Schreiben und Fußnoten

Der Weg hin zur Dr. Iur. ist ein akademisches Projekt, das einem als Doktorand:in absolute Freiheit und Raum schenkt, tief in eine juristische Problematik einzutauchen und mit der Zeit eine Argumentation zu entwickeln, die einen eigenständigen Gedanken in die Welt bringt. Diese wertvolle Möglichkeit, sich fachlich weiterzubilden und gleichzeitig in juristischer Hinsicht auf ganz neue Weise herauszufordern, ist jedoch nur eine Seite eines Promotionsprojektes.

Auch wenn man Rechtswissenschaft und Kreativität auf den ersten Blick selten in einem Atemzug nennt, ist das Schreiben – jegliche Form des Schreibens, und somit auch das Schreiben einer Doktorarbeit – immer auch ein kreativer Schaffensakt. Kreativität bedeutet, etwas ins Leben zu rufen, das zuvor in dieser Form noch nicht existiert hat. In dieser Hinsicht fordert auch wissenschaftliches Arbeiten Originalität, das Verknüpfen bestehender Theorien aus dem bestehenden Forschungsstand und daraus die Entwicklung neuer und eigener Ansätze. Wenn wir es zulassen, offenbaren sich durch diesen Prozess nicht nur neue Facetten einer rechtlichen Thematik, sondern auch neue Ebenen der Selbstwahrnehmung: Die Dissertation stellt Fragen über Disziplin, über die eigene Art zu denken, Schwerpunkte zu setzen und darüber, wie man die eigene Zeit nutzt.

Nachfolgend teile ich einige meiner Erkenntnisse und Beobachtungen aus bisher einem Jahr zwischen Gesetzestexten, Literaturdatenbanken und Bibliotheksatmosphäre; manche naheliegend, manche vielleicht überraschend.

 
Austauschpartner:innen, die denselben Weg gehen, sind unglaublich wertvoll

Ein Promotionsprojekt findet hauptsächlich im Alleingang statt. Als Doktorand:in trägt man die volle Verantwortung für Struktur, Zeiteinteilung und die eigene Herangehensweise. Diese Freiheit ist ein echtes Privileg, und doch kann sie dazu führen, dass man sich zeitweise etwas isoliert fühlen kann.

Umso wertvoller sind Austauschpartner:innen auf Augenhöhe, die denselben Weg gehen. Manchmal reicht es schon zu wissen, dass jemand versteht, wie es sich anfühlt, wochenlang in einer juristischen Detailfrage zu versinken, ohne dass man das groß erklären müsste.

Darüber hinaus kann es hilfreich sein, sich auch inhaltlichen Rat zu holen. Gerade weil man mit der Zeit immer tiefer in die eigene juristische Materie abtaucht, hilft es gelegentlich enorm, die Thematik einmal laut auszusprechen. Oft merkt man vor allem im Verbalisieren, wo eine Argumentationslinie noch nicht trägt oder wohin die nächste Recherche eigentlich führen müsste.

So wie es verschiedene Lerntypen gibt, gibt es auch verschiedene Schreibtypen

Der Hang zum Vergleich ist vielen Jurist:innen in der juristischen Laufbahn nicht fremd, von der ersten Klausur im Studium bis zum Staatsexamen. Auch während der Promotion ist es verlockend, den Austausch mit anderen Doktorand:innen über Fortschritt, Vorgehensweise und Seitenzahlen als Anhaltspunkt zu nehmen, sich zu vergleichen.

Umso erfrischender war es für mich, in einem Schreibseminar im Rahmen des Graduiertenprogramms an der Universität Augsburg zu lernen, dass es, genauso wie verschiedene Lerntypen, auch verschiedene Schreibtypen gibt. Manche schreiben einen Text konsequent von Anfang bis Ende durch und arbeiten ganz nach Plan jeweils nur an einem einzigen Abschnitt, die sog. Planer:innen. Andere formulieren zunächst einzelne Abschnitte aus und fügen sie erst am Ende nach dem Bausteinprinzip zu einem Ganzen zusammen: die sog. Teilchenschreiber:innen. Dann gibt es noch die sog. Eichhörnchen, die erst viel Wissen ansammeln wollen, bevor sie anfangen, zu schreiben und die sog. Drauflos-Schreiber:innen, die kein Problem damit haben, unbeschwert ohne Perfektionsanspruch zu schreiben.

Den eigenen Schreibrhythmus zu kennen und sich auch der damit verbunden Stärken sowie Schwächen bewusst zu werden, kann dabei helfen, sich nicht dadurch zu beirren lassen, wie andere ihre Dissertation angehen.

Zeit in eine gut strukturierte Literaturverwaltung investieren

Ein Tipp, den ich von ehemaligen Doktorand:innen zu Beginn meiner Doktorarbeit bekommen habe, ist, von Anfang an Zeit in eine sorgfältige Literaturverwaltung mithilfe eines Zitierprogramms zu investieren. Konkret bedeutet das für mich, ein Zitierprogramm zu nutzen und eine Literatursammlung mit einheitlichen Angaben, Schlagwörtern und inhaltlichen Verknüpfungen kontinuierlich zu pflegen.

Wer noch kein Zitierprogramm nutzt oder unsicher ist, welches zu den eigenen Gewohnheiten passt: Viele Universitäten bieten hierfür Workshops und Schulungen an; oft über die Bibliothek oder das Graduiertenzentrum, und meist sogar kostenlos.

 
Jura ist (vielleicht) eher eine Sprach- als eine Geisteswissenschaft

Sprache und Recht sind eng miteinander verknüpft. Beispielhaft zu nennen ist hier nur die Auslegung anhand des Wortlauts, die in der juristischen Laufbahn an vielen Stellen relevant wird. Jurist:innen widmen sich mit bemerkenswerter Sorgfalt dem Verständnis einzelner Rechtsbegriffe. Die Rechtswissenschaft hat insofern eine ausgeprägt sprachliche Dimension, die sie zumindest in Teilen in die Nähe der Sprachwissenschaft rückt.

Dies schlägt sich im Schreibprozess einer Doktorarbeit unmittelbar nieder. Die eigene Argumentationslinie muss nicht nur juristisch Bestand haben, sondern auch sprachlich gestützt werden. Jedes Wort sollte zur Argumentation beitragen und den eigenen Standpunkt so präzise wie möglich transportieren. Das wissenschaftliche Schreiben schult auf diese Weise eine Genauigkeit im Umgang mit Sprache, die weit über die Dissertation hinausreicht.

Wenn man einen Großteil der eigenen Zeit damit verbringt, einzelne Formulierungen zu hinterfragen und Begriffe auf ihren genauen Gehalt hin zu überprüfen, dann überträgt sich diese Denkweise fast zwangsläufig auch in einer Weise auf den Alltag, die über das Juristische hinausgeht: Sprache beeinflusst, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen. Sie formt unser Denken und Handeln. Die Sensibilität, die man im wissenschaftlichen Schreiben entwickelt, kann also durchaus auch den Blick auf die eigene alltägliche Sprache schärfen: im Gespräch mit anderen ebenso wie im inneren Dialog mit sich selbst.

Vorsicht vor falscher Produktivität

Eine Doktorarbeit zu schreiben ist Wissensarbeit, die sich meistens nicht ohne Weiteres in klassischen Kennzahlen messen lässt. Bei Wissensarbeit schafft man den eigentlichen Mehrwert durch geistige Auseinandersetzung mit einer Thematik: durch das Durchdenken von Argumentationslinien, das Abwägen konkurrierender Positionen und das Erschließen von Zusammenhängen. Dass eine Dissertation am Ende in einer greifbaren Form vorliegen muss, im juristischen Bereich in aller Regel als Monografie, macht das Messen von Fortschritt anhand von Seitenzahlen zwar naheliegend. Doch dieser Maßstab wird der Realität des wissenschaftlichen Arbeitsprozesses nur bedingt gerecht.

Es gibt Phasen, in denen die Arbeit überwiegend im Kopf stattfindet und sich auf dem Papier kaum in messbarer Form niederschlägt. Das Schreiben stockt. In solchen Phasen ist es verlockend, die „Leere“ zu füllen und sich mit Dingen zu beschäftigen, die sich produktiv anfühlen, den eigentlichen Fortschritt jedoch nicht voranbringen. Das mag kurzfristig ein Gefühl von Genugtuung erzeugen, führt jedoch am Ende nicht zum Ziel.

Produktivität verläuft in Wellen. Es gibt Phasen hoher Schaffenskraft ebenso wie ruhigere Abschnitte, in denen weniger entsteht. Beides ist normal, und beides gehört zum Prozess. Trotzdem ist es wichtig, hier ehrlich zu sich selbst zu sein und nicht in die Falle der Scheinproduktivität zu tappen.

 

Schreibblockaden sind normal – können jedoch einfach aufgelöst werden

Schreibblockaden sind dem Promotionsprozess wohl so inhärent wie Fußnoten und eine richtige Zitierweise. Wohl kaum ein:e Doktorand:in bleibt davon verschont. Statt zu versuchen, eine Schreibblockade mit aller Kraft zu überwinden, ist es oft hilfreicher, sich zu fragen, was sich eigentlich hinter ihr verbirgt.

Denn Schreibblockaden entstehen selten ohne Grund. In der Regel liegen ihnen meist einer von zwei Auslösern (oder sogar eine Kombination aus beiden) zugrunde.

Der erste Grund ist die Angst vor dem Urteil anderer. Gedanken wie „Es interessiert sich ohnehin niemand für das, was ich schreibe“ oder „Das wird niemanden überzeugen“ setzen sich fest und lähmen, noch bevor man die erste Zeile schreibt. Ein imaginäres kritisches Publikum verzerrt den Blick auf die eigene Arbeit.

Der zweite Auslöser ist prokrastinierender Perfektionismus: die Tendenz, den eigenen Schreibprozess permanent zu bewerten, anstatt ihn einfach zuzulassen. Dahinter stecken Gedanken wie „Ich habe noch nicht genug gelesen“, „Ich habe nichts zu sagen“ oder schlicht „Das, was ich schreibe, ist nicht gut genug“. Das sofortige Bewerten während des Schreibens, blockiert den Schreibprozess. 

Was hilft, ist das bewusste Ausschalten dieser inneren und äußeren Kritiker:innen. Zumindest vorübergehend. Für mich war es eine hilfreiche Umdeutung, mir zu sagen: „Was ich jetzt schreibe, ist zunächst nur für mich. Niemand wird diesen Text lesen.“ Diese schlichte Erlaubnis, einfach loszuschreiben, ohne das Ergebnis sofort zu beurteilen, öffnet oft erstaunlich schnell wieder den Schreibfluss. Überarbeiten, feilen und präzisieren lässt sich der Text dann in späteren Schritten – doch dafür braucht man eben zunächst einmal einen geschriebenen Text.

Auf den Punkt gebracht: Make it exist first, you can make it good later.

 
Jeder Arbeitsplatz hat eine eigene Energie

So verrückt es zunächst klingen mag: Die Umgebung, in der wir arbeiten, ist nicht neutral. Sie kann beeinflussen, wie wir denken. Die Forschung untersucht diesen Zusammenhang unter anderem unter dem Begriff des sog. Cathedral Effect: die Frage, wie die Höhe einer Raumdecke unsere Kognition beeinflusst und insbesondere unsere Kreativität fördert oder hemmt. Hohe, weitläufige Räume begünstigen demnach abstraktes und assoziatives Denken, während niedrige Decken eher auf konzentrierte, detailorientierte Arbeit einwirken.

Ich habe das in meinem eigenen Schreibprozess deutlich gespürt. In manchen Umgebungen finde ich schnell in den Schreibfluss. Für mich ist ein bestimmter Ort in Berlin zu meinem Lieblingsort zum Schreiben geworden: eine Bibliothek, die hohe Decken und großzügiges Tageslicht mit ruhigen, organisch gestalteten Nischen verbindet, umgeben von Menschen in einer Atmosphäre gemeinsamer Konzentration, die dasselbe oder etwas Ähnliches tun.

Es lohnt sich also, die eigenen Arbeitsorte bewusst zu erkunden und herauszufinden, welche Umgebung zur eigenen Arbeits- und Schreibweise passt.

 
Schreiben an der Doktorarbeit erfordert eine indviduelle Struktur

Wie bereits angeklungen, findet die Arbeit an einer Dissertation größtenteils im Alleingang statt. Die Freiheit, die eigene Zeit selbst einzuteilen und den Arbeitsrhythmus individuell zu gestalten, ist dabei ein echtes Privileg, für das ich sehr dankbar bin. Doch Freiheit und Selbstdisziplin sind zwei Seiten derselben Medaille. Dabei ist Disziplin nicht das Gegenteil von Freiheit, sondern die Basis davon. Indem man den eigenen Alltag bewusst strukturiert, schafft man einen Rahmen in dem konzentriertes und produktives Arbeiten möglich wird.

Eines meiner liebsten Zitate hierzu ist folgendes von Rick Rubin:

„Discipline and freedom seem like opposites. In reality, they are partners. Discipline is not a lack of freedom, it is a harmonious relationship with time.“

Verschiedene Ansätze unterstützen mich dabei: Time-Blocking (das bewusste Reservieren fester Zeitfenster für bestimmte Aufgaben) verhindert, dass der Tag sich in Kleinteiligkeit verliert. Kanban-Boards ermöglichen es mir, offene Aufgaben zu visualisieren, Prioritäten zu setzen und den eigenen Fortschritt greifbar zu machen. Feste Promotionstage geben dem Schreiben einen verlässlichen Platz im Wochenrhythmus. Und aktive Fokuszeiten, bewusst geschützt vor Ablenkungen durch Benachrichtigungen oder anderen Unterbrechungen, schaffen Raum für tiefe Konzentration.

Über den Tellerrand gucken, wenn man nicht weiterkommt

Es wird im Rahmen des Schreibprozesses wohl früher oder später der Moment kommen, an dem man das Gefühl hat, vor einer unsichtbaren Wand zu stehen. Die Argumentation dreht sich im Kreis, neue Gedanken wollen sich nicht einstellen, und je länger man auf denselben Seiten verweilt, desto undurchdringlicher wirkt die Blockade.

Falls du das gerade lesen musst: Du hast jederzeit die Erlaubnis, andere Personen nach Unterstützung zu bitten.

Externer Input kann viele Formen annehmen: ein Webinar oder Seminar zum eigenen Promotionsthema oder angrenzenden Rechtsbereichen, ein Gespräch mit Praktiker:innen aus dem relevanten Rechtsgebiet, oder schlicht der Austausch mit jemandem, der einen anderen Blickwinkel einbringt. Manchmal reicht ein einziges Gespräch, um einen Gedanken in Bewegung zu setzen, der vorher festzustecken schien. Jeder neue Denkweg ist dabei wertvoll, auch wenn er zunächst nur wie ein schmaler Pfad erscheint.

Darüber hinaus bieten viele universitäre Graduiertenprogramme Möglichkeiten an, die über den reinen Schreibprozess hinausgehen: promotionsbegleitende Workshops, Förderungen für Forschungsaufenthalte sowie Reisekostenzuschüsse für Konferenzen, Summer Schools oder Doktorand:innenprogramme. Diese Angebote verdienen es, ernst genommen zu werden.

Ich selbst durfte auf diesem Weg an einer Summer School der Universität Antwerpen teilnehmen. Dadurch haben sich mir neue inhaltliche Perspektiven auf mein Promotionsthema erschlossen und ich konnte in Kontakt mit Gesprächspartner:innen treten, die ich auf anderem Wege wohl nie gefunden hätte.

Wissen teilen ist etwas Besonderes

Für Einige mag es mitunter wahnsinnig klingen, so viel Lebenszeit und Energie in ein Promotionsprojekt zu investieren. Auch wenn ich noch nicht am Ende meiner Dissertation angelangt bin, blicke ich bereits auf eine beträchtliche Menge investierter Zeit zurück: Zeit, die mit dem Lesen von Gesetzestexten, der Analyse von Rechtsprechung und der Auseinandersetzung mit dem bisherigen Forschungsstand vergangen ist.

Wenn man in diesem Prozess jedoch einmal für einen Moment innehält und den Blick weitet, besonders in einer Umgebung wie einer Bibliothek, deren Regale randvoll mit Literatur aus allen erdenklichen Disziplinen gefüllt sind, dann stellt sich vielleicht eine ganz neue Art von Bewunderung ein. Die Erkenntnis, dass unzählige Menschen vor mir dieselbe Arbeit auf sich genommen haben, um ihr hart erarbeitetes Wissen für andere Menschen nachvollziehbar darzustellen und mit ihnen zu teilen. Und dass ebenso viele Menschen nach mir dieselbe Arbeit auf sich nehmen werden.

Wissen zu schaffen und es zu teilen ist, bei allem Aufwand, den es erfordert, etwas zutiefst Sinnvolles. Jede Dissertation ist ein kleiner Beitrag zu einem Gespräch, das weit über die eigene Person hinausreicht.

Anna-Lena Zickhardt, LL.M.

Anna-Lena Zickhardt ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Augsburg. Sie promoviert zu einem urheberrechtlichen Thema an der Schnittstelle zum Europäischen Zivilverfahrensrecht und hat ihren LL.M. im Bereich Intellectual Property in Edinburgh absolviert. Mit ihrem Projekt „the SPACE“ bietet sie für Studierende in der Examensvorbereitung Workshops an Universitäten in Berlin an, die effizientes Lernen mit innerer Balance und einem unterstützenden Miteinander verbinden.