Nach unserem Event mit Noerr beantworten Susanne Rummel, Katja Steinthaler, Elena Marks und Agnes Heilmaier die spannendsten Fragen des Abends und geben persönliche Einblicke in Karrierewege, Sichtbarkeit, Women Empowerment und den Mut, eigene Wege zu gehen.
Agnes: Eine der größten Herausforderungen war für mich besonders im Studium und dem Referendariat, mit den eigenen Ansprüchen umzugehen – gerade in einem Umfeld, das von hohen Erwartungen und Leistungsdruck geprägt ist und das bei einem Fachgebiet, bei dem die Examensnote darüber entscheidet, welche Berufe man ausüben kann. Mir hat es geholfen, einen Ausgleich zu finden, der mir geholfen hat, den Kopf freizubekommen und abschalten zu können.
Jede von uns ist als Person doch so viel mehr als ihre Examensnote und daran sollte man sich auch auf seinem immer wieder Ausbildungsweg erinnern.
Agnes: Mich inspirieren besonders Personen, die fachliche Exzellenz mit Haltung verbinden und gleichzeitig andere mitnehmen – und das weit über die Rechtsbranche hinaus. Was ich dabei besonders beeindruckend finde, ist die Fähigkeit, Menschen für Themen zu begeistern und sie wirklich mitzureißen: also nicht nur inhaltlich stark zu sein, sondern auch souverän, charismatisch und zugänglich aufzutreten und in schwierigen Situationen Haltung zu zeigen. Denn reine fachliche Exzellenz allein reicht auf Dauer nicht aus, wenn es nicht gelingt, andere von Ideen zu überzeugen oder für gemeinsame Ziele zu gewinnen.
Susanne: In verschiedenen Phasen meines Karriereweges haben mich sehr unterschiedliche Personen inspiriert, und viele tun es bis heute. Meine Inspiration kam dabei nie nur von einer bestimmten Person oder einem bestimmten Typus. Es waren Vorgesetzte, die mir etwas zugetraut haben, bevor ich es mir selbst zugetraut habe. Es waren Kolleginnen und Kollegen auf gleicher Ebene, die meinen Horizont durch ihren eigenen Stil und ihre Fähigkeit, Dinge anders zu denken, erweitert haben und mich dadurch weitergebracht haben. Und es waren Menschen, die mir nicht unbedingt persönlich nahestehen, mich aber durch ihre Ausstrahlung, ihren Mut oder ihre Vorbildfunktion nachhaltig beeindruckt haben.
Elena: Ja, es ist noch viel zu tun, aber wir können selbst dazu beitragen, dass sich etwas verändert! Dranbleiben, präsent sein und sagen, was man will und kann, Allianzen bilden und sich Unterstützer suchen, ist sicherlich ein guter Anfang. Und nicht zu früh gehen, weil man sich heute schon den Kopf von morgen zerbricht – vorauseilender Gehorsam bremst nur. Das ist vielleicht auch einer der Gründe, warum es noch zu wenige Frauen auf Partnerinnenebene gibt. Vielen Kolleginnen gehen schon, weil sie vielleicht Kinder haben wollen und die Arbeit in einer Großkanzlei mit Kind für schwer vereinbar halten. Aber das muss nicht so sein (sowieso Augen auf bei der Partnerwahl), denn bei den Männern gehts es ja auch.
Und ja, ich glaube man muss auch anerkennen, dass man es als Frau manchmal aus vielen Gründen in einer männlichen dominierten Großkanzleiwelt schwerer hat, weil man wohl anders bewertet wird, anders auftritt, anders netzwerkt, … und solche eingefahrenen Strukturen und unconscious bias ändern sich erst, wenn mehr Frauen an Board sein werden – aber deshalb muss man umso mehr dranbleiben und selbst etwas verändern, für sich und seine weiblichen Kolleginnen einstehen und sie ermutigen, es ebenso zu tun.
Susanne: Die Gründe für die geringe Partnerinnen-Quote sind meines Erachtens sehr vielschichtig. Viele Anwältinnen verlassen Großkanzleien in den entscheidenden Jahren vor einer möglichen Beförderung – nicht wegen fehlender Kompetenz, sondern weil Perspektiven unklar bleiben oder traditionelle Kanzleistrukturen wenig Raum für unterschiedliche Lebensentwürfe lassen (bzw. es so wahrgenommen wird). Hinzu kommen strukturelle Hürden, unbewusste Vorurteile und Beförderungsprozesse, die nicht immer transparent genug sind. Es hat sich in den letzten Jahren vieles bewegt, aber es gibt noch einiges zu tun.
Was können Anwältinnen selbst tun? Ich stimme Elena voll und ganz zu: Dranbleiben! Wer Großkanzleien verlässt, bevor überhaupt eine Beförderung anstehen kann, verkleinert den Pool. Damit meine ich nicht, in einem unpassenden Umfeld auszuharren – sondern sich nicht von Fragen verunsichern zu lassen, die zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht anstehen. Wichtig ist auch, die eigene Leistung sichtbar zu machen, sich aktiv Netzwerke innerhalb und außerhalb der Kanzlei aufzubauen – und dazu gehören auch männliche Kollegen und Vorgesetzte, denn Veränderung gelingt nur gemeinsam. Es braucht zudem weibliche Vorbilder, die sichtbar machen, dass eine Karriere als Partnerin erstrebenswert ist und funktioniert. Sprecht Assoziierte Partnerinnen oder Equity Partnerinnen gerne an, wenn ihr Fragen habt oder einen Austausch sucht.
Was können Kanzleien tun? Vor allem echtes Sponsorship fördern – also nicht nur Rat geben, sondern sich aktiv für den Aufstieg von Anwältinnen einsetzen. Noerr hat hier in den letzten Jahren bereits viel getan. Was tut Noerr ganz konkret? Mit dem Programm „Her” bündelt Noerr Trainings, Netzwerke, Austauschformate und Mentoring. Durch vier Bausteine werden Anwältinnen auf ihrem Weg in Führungspositionen unterstützt. “Her Rise” – Einzigartiges Trainings- und Entwicklungsprogramm für Anwältinnen mit Workshops und Impulsen zu Karriere, Selbstmarketing und Positionierung. “Her Network” – Kanzleiinterne Vernetzungsplattform von Anwältinnen für Anwältinnen mit Austauschformaten wie Lunches, Führungen oder Vorträgen. “Her Success” – Zweistufiges Mentoring Programm für Anwältinnen auf dem Weg zur Partnerschaft mit persönlicher Begleitung durch eine Partnerin oder einen Partner und Associated Partner. “Her Executive Circle” – Inspirierende Veranstaltungsreihe, die Anwältinnen mit weiblichen Führungskräften aus Wirtschaft, Wissenschaft und Öffentlichkeit vernetzt. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Punkte zur Verbesserung der Vereinbarkeit und der Vielfalt im Allgemeinen, die jedoch gleichermaßen beide Geschlechter betreffen und von denen alle profitieren.
Elena: Ich führe mir vor Augen, dass bisher alles geklappt hat und begreife stressige Situationen als Herausforderung, die ich gerne annehme, weil ich danach mit Sicherheit etwas gelernt haben werde – und sei es nur, zu wissen, was ich beim nächsten Mal anders machen werde. Außerdem wird man besser und wenn man wieder etwas gewuppt hat, kann man danach doch auch zufrieden mit sich sein. In stressigen Situationen Ruhe zu bewahren und richtig priorisieren zu können, weil man routiniert ist, ist in jedem Fall etwas Positives, das man üben sollte. Also: Herausforderung annehmen, sich über ein bisschen Adrenalin freuen, danach stolz sein!
Katja: Erkennen, dass planloses Panikverbreiten nichts hilft, zu den Mitmenschen freundlich bleiben und Schritt für Schritt die relevanten Aufgaben erledigen. Das ist nicht in jeder Situation ganz leicht, aber auch wenn wir es im Berufsleben oft schaffen, das Unmögliche möglich zu machen: leider geht das nicht immer und dann sollte das Ziel sein trotzdem das Beste daraus zu machen.
Agnes: Sichtbarkeit ist wichtig, aber sie muss authentisch sein. Gerade im Studium oder Referendariat oder auch als frischer Associate denkt man oft, man habe „noch nichts zu erzählen“ – das stimmt so nicht. Es geht weniger um große Erfolge als um klare Interessen – gerade in der Rechtsbranche kann man doch fast jedes “Hobby” unterbringen. Ich bin zum Beispiel Reiterin und habe gerade einen Aufsatz zum (produktrechtlichen) Tierschutzrecht publiziert.
Katja: Zuerst sollte man sich klar machen, dass man immer “etwas zu erzählen hat”. Seinen eigenen USP muss man vor allem erst mal kennen und auf- bzw. ausbauen. Das können am Berufsanfang auch ganz simpel aber sehr wichtig eine schnelle Auffassungsgabe oder Stressresilienz sein und im weiteren Berufsweg sollte jeder einen fachlichen USP – eine besondere Kompetenz – für bestimmte Themen entwickeln. Gerade wenn es um Beförderungen geht, ist es wichtig zeigen zu können, wofür man steht und weshalb man unersetzlich ist.
Agnes: Neben fachlicher Kompetenz sind Kommunikationsfähigkeit, ein gutes Gespür für Menschen und Durchhaltevermögen extrem wichtig. Auf Letzteres bereitet uns die juristische Ausbildung aber immerhin ganz gut vor.
Susanne: Die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen – sowohl intern im Team als auch extern mit Mandanten oder der Gegenseite. Im Studium denkt man, es kommt vor allem auf die juristische Analyse an. In der Praxis ist es mindestens genauso wichtig, komplexe Sachverhalte verständlich zu vermitteln, Verhandlungen zu führen und ein Gespür dafür zu entwickeln, was der Mandant wirklich braucht.
Elena: Ich kann Agnes und Susanne nur zustimmen. Gute Juristen sind doch die allermeisten in der Großkanzlei, aber nicht jeder ein erfolgreicher Anwalt. Es ist ein Menschen-Business! Und “einfach” ein Mensch zu sein, der andere für sich und seine Themen einnehmen kann, mit dem Mandanten gerne zusammenarbeiten, ist für die meisten tatsächlich eben gar nicht so einfach, wie man denkt, denn in der Juristenzunft gibt es auch eine Reihe schräger Vögel. Außerdem: Smalltalk-Fähigkeiten und in jedem Fall gute Umgangsformen und tadellose Manieren – die fallen immer positiv auf!
Katja: Netzwerken ist enorm wichtig und auch Selbstvermarktung ist essenziell für den weiteren Karriereweg. Neben den bereits angesprochenen sozialen und fachlichen Kompetenzen ist hier Kreativität gefragt, um aus der Masser herauszustechen.
Susanne: Unbedingt ins Ausland gehen! Jeder meiner Auslandsaufenthalte war eine außergewöhnliche Zeit, die ich keinesfalls missen möchte. Ob Auslandssemester, Wahlstation oder Secondment – jeder Aufenthalt hat enorm zu meiner persönlichen Weiterentwicklung beigetragen, es sind wunderbare Freundschaften entstanden und ich habe unzählige wertvolle Erfahrungen (und massenhaft Fotos 😉) gesammelt. Ein Auslandsaufenthalt ist daher stets zu empfehlen!
Für den Berufseinstieg empfehle ich vor allem Gelassenheit. Sofern die Entscheidung zu Berufsbild und Rechtsgebiet noch nicht im Studium oder Referendariat gefallen ist, schaut euch in Ruhe um – so lange, bis euer Bauchgefühl euch sagt, dass ihr den richtigen Platz für den Berufseinstieg gefunden habt.
Agnes: Wichtig ist, Unsicherheit nicht als Schwäche zu sehen, sondern als Teil des Prozesses. In meinen Augen muss man bewusst damit umgehen: Es gibt Situationen, in denen man Unsicherheit offen zeigen darf und sollte – etwa im Team, wo es oft der schnellste und sinnvollste Weg ist, sich Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen zu holen.
In anderen Kontexten ist es dagegen wichtig, Sicherheit auszustrahlen und Unsicherheiten eher intern zu klären. Mir hilft es außerdem, Dinge gut vorzubereiten und mir gleichzeitig bewusst zu machen, dass nicht immer alles kontrollierbar ist.
Susanne: Zu unserem Berufsalltag gehört, dass wir uns stets mit neuen Fragestellungen beschäftigen und Last-Minute-Probleme lösen müssen. Auch befinden wir uns immer wieder in neuen oder ungewohnten Situationen – das Verlassen der eigenen Komfortzone gehört einfach dazu. Gute Vorbereitung gibt Sicherheit und hilft über Unsicherheit oder Aufregung hinweg. Entscheidend ist, aus diesen Situationen zu lernen und sich auch in Zukunft daran zu erinnern, wie gut man vergleichbare Herausforderungen – trotz anfänglicher Unsicherheit – gemeistert hat.
Susanne: Tatsächlich wollte ich schon als Kind Rechtsanwältin werden – und bin es geworden! Dass ich einmal M&A-Partnerin in einer internationalen tätigen Großkanzlei sein würde, habe ich mir mit Sicherheit so nicht vorgestellt. Umso schöner ist es, dass sich einerseits mein Kindheitstraum erfüllt hat und ich andererseits einen Weg eingeschlagen habe, den ich mir so nie hätte vorstellen können.
Agnes: Mich reizt vor allem die Kombination aus anspruchsvollen Mandaten und internationalem Umfeld. Besonders spannend finde ich, dass man in einer Großkanzlei an Mandaten arbeitet, die man in kleineren Kanzleien so oft wohl nie hätte – sowohl in ihrer Komplexität als auch in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. Kein Fall ist wie der andere und die Lernkurve seit meinem Einstieg war entsprechend steil.
Katja: Ich habe mir sehr früh, nämlich nach dem Abi, eine Karriere in der Großkanzlei als Ziel auserkoren. Ich war in der Schule immer gut in Sprachen und die internationale Komponente hat mich sehr angesprochen. Heute arbeite ich mehr als 50% auf Englisch, habe schon in Alicante und New York gelebt und gearbeitet und habe täglich Kontakt mit Mandanten und Kollegen aus unterschiedlichen Ländern. Das begeistert mich damals wie heute.
Susanne: Noten sind wichtig – das wäre unehrlich zu verschweigen. Wir suchen Beraterpersönlichkeiten, die ins Team passen, Leidenschaft für das mitbringen, was sie tun, und sich stetig weiterentwickeln möchten. Zusatzqualifikationen wie Auslandserfahrung, Sprachkenntnisse oder eine Promotion sind natürlich toll. Ich freue mich aber auch immer, wenn aus Bewerbungen sonstiges Engagement hervorgeht – sei es politisch, sozial oder ehrenamtlich. Das ist häufig ein wunderbarer Anknüpfungspunkt im Bewerbungsgespräch, der es ermöglicht, die Kandidatin oder den Kandidaten wirklich kennenzulernen.
Elena: Ich schaue immer, ob jemand auch als Mensch umgänglich wirkt und bereit ist, sich zu engagieren. Ich muss mit der Person gerne zusammenarbeiten wollen und der Mandant auch. Gute Noten reichen nicht, wenn man vermittelt, sich nicht auch mal reinknien zu können.
Elena: Was es noch für spannende Rechtsgebiete gibt und was sie in der Großkanzleipraxis bedeuten. Ein Studium, ein Schwerpunkt, ein Referendariat reichen kaum aus, alle spannenden Rechtsgebiete kennenzulernen. Auch wenn es ganz schön schwerfällt, nicht alles zerdenken, sondern einfach machen und sich Etwas zutrauen. Nachjustieren kann man immer noch, also s.o., nicht heute den Kopf von Morgen zerbrechen, Vieles lässt sich nicht genau vorhersehen und gerade in Kanzleien können schon Entwicklungen von wenigen Jahren, manchmal von wenigen Monaten große inhaltliche und persönliche Veränderungen mitbringen.
Agnes: Für mich bedeutet Female Empowerment, Frauen darin zu stärken, ihren eigenen Weg selbstbewusst zu gehen – ohne sich an starren Rollenbildern orientieren zu müssen. Wichtig ist mir dabei, dass Women Empowerment gleichzeitig kein Männer-Bashing ist, sondern ein gemeinsames Voranbringen von Gleichberechtigung. Es geht um Chancengleichheit, gegenseitige Unterstützung und darum, Vielfalt als Stärke zu begreifen.
Susanne: Women Empowerment bedeutet für mich, Frauen zu ermutigen, an sich selbst zu glauben und ihren eigenen Weg zu gehen. Es bedeutet, sich gegenseitig zu stärken, Türen nicht nur zu öffnen, sondern auch offen zu halten, und füreinander einzustehen – ohne Konkurrenzdenken. Gerade in unserem Großkanzleiumfeld heißt das auch: Jüngeren Kolleginnen vorleben, dass eine Karriere in der Großkanzlei auch als Frau bereichernd ist und Spaß macht!
Susanne: Geht raus in die Welt – im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Jede neue Perspektive, jede neue Kultur und jeder neue Mensch, den ihr kennenlernt, wird euch bereichern. Traut euch, Gelegenheiten und Chancen zu ergreifen, wenn sie sich euch bieten – also nicht zögern, nicht zu lange überlegen!
Rechtsanwältin, Wirtschaftsjuristin (Univ. Bayreuth) & Partnerin
Rechtsanwältin & Associated Partner
Rechtsanwältin & Senior Associate