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Auslandssemester in Budapest

Wertvolle Auszeit oder Risiko fürs Examen?

Mehr Jurastudentinnen sollten den Schritt ins Ausland wagen. Noch immer ist der Anteil derjenigen, die während des Studiums internationale Erfahrungen sammeln, vergleichsweise gering. Zu groß erscheint oft die Sorge, im Hauptstudium den Anschluss zu verlieren, Scheine zu verzögern oder das ohnehin herausfordernde Examen weiter hinauszuschieben. Aus meiner Sicht überwiegt jedoch der persönliche und fachliche Gewinn eines Auslandssemesters deutlich. Daher möchte ich hier ein Plädoyer für Erasmus halten.

1. Motivation und Umsetzung

Bereits während meiner Schulzeit hatte ich einige Zeit im Ausland verbracht. Deshalb stand für mich schon zu Beginn meines Studiums im Oktober 2018 fest, dass ich auch während der Universitätszeit noch einmal ins Ausland gehen wollte. Einen konkreten Zeitpunkt dafür hatte ich zunächst nicht im Blick. In den ersten Semestern besuchte ich gelegentlich Informationsveranstaltungen an der Universität Würzburg. Nach vier Semestern, zahlreichen Klausuren und Hausarbeiten waren diese Informationen jedoch verblasst. Also wurde ich selbst aktiv: Ich kontaktierte das Erasmus-Büro, schrieb E-Mails und informierte mich eigenständig über meine Möglichkeiten. Ich bewarb mich für mehrere Universitäten, darunter Städte wie Budapest in Ungarn oder Aarhus in Dänemark. Anfang 2020 erhielt ich schließlich die Zusage für die ELTE-Universität in Budapest, dies war meine erste Wahl. Die Aussicht auf eine lebendige Großstadt, die ich bislang noch nicht kannte, hatte mich besonders gereizt. Die Freude wurde jedoch von der Unsicherheit durch die aufkommende Corona-Pandemie begleitet. Sollte ich diesen Schritt wirklich wagen? Ich kannte niemanden vor Ort, und auch die wenigen Kommilitoninnen, die ursprünglich ein Auslandssemester geplant hatten, sagten aufgrund der Lage ab. Letztlich entschied ich mich, meiner Intuition zu folgen. Mit den Lockerungen im Sommer 2020 begann ich, meinen Umzug zu organisieren, ohne mich allzu sehr von möglichen Risiken leiten zu lassen. Eine WG fand ich über die Plattform WG-gesucht. Zudem erhielt ich im Rahmen des Erasmus-Programms eine monatliche Förderung von etwa 330 Euro, die zu Beginn des Semesters ausgezahlt wurde.

2. Der erste Eindruck

In Budapest im August 2020 angekommen, ging alles direkt los. Vor Ort organisierte das Erasmus Student Network (ESN) zahlreiche Veranstaltungen von Bar-Touren bis hin zu sportlichen Aktivitäten. Trotz der Pandemie entstand schnell ein Gefühl von Gemeinschaft. Ich fühlte mich direkt angekommen. Nur etwa eine Woche nach meiner Ankunft schloss die ungarische Regierung die Grenzen zum Schutz vor weiteren Infektionen. Plötzlich befanden wir internationale Studierende uns gewissermaßen isoliert in einem fremden Land. Gleichzeitig herrschte innerhalb dieser „Blase“ eine überraschende Normalität: Während die Grenzen dicht waren, blieb das öffentliche Leben in Budapest weitgehend offen.

3. Das Leben an der Universität

Für die Uni bedeutete das: Präsenzveranstaltungen. Nach einigen Monaten digitaler Lehre ganz schön ungewohnt, zugleich aber auch sehr bereichernd. Bereits vor meiner Anreise hatte ich meine Kurse gewählt. Ich belegte fünf Veranstaltungen, die auf Englisch stattfanden, darunter ungarisches Verfassungsrecht, Europarecht, Political Culture sowie einen Kurs zur Regierung Orbáns. Die Inhalte waren weniger klassisch juristisch geprägt, sondern eher interdisziplinär und politikwissenschaftlich ausgerichtet. Gerade diese Perspektive empfand ich als äußerst wertvoll. Besonders der Kurs zur politischen Entwicklung unter Orbán hat mein Verständnis für demokratische Prozesse und europäische Zusammenhänge nachhaltig geschärft. Auch der Europarechtskurs, der sogar auf Deutsch angeboten wurde, erwies sich als äußerst hilfreich und vermittelte mir Grundlagen, die im deutschen Studium oft zu kurz kommen. Die kleinen Kursgrößen von etwa 20 Personen ermöglichten intensive Diskussionen und einen engen Austausch mit Dozierenden und Kommilitoninnen. Im Vergleich zum Lernstress und Leistungsdruck in Deutschland empfand ich das Studium in Budapest als weniger anspruchsvoll.

Zwar fragte ich mich gelegentlich, ob ich in dieser Zeit fachlich „zurückfalle“. Doch diese Zweifel traten angesichts der spannenden Inhalte und der bereichernden Erfahrungen schnell in den Hintergrund. Zudem konnte ich mir die in Budapest erbrachte Leistung als Hausarbeit für die große Übung im Öffentlichen Recht anrechnen lassen, dies ging unkompliziert über ein Formular meiner Heimatuniversität.

4. Parallelwelt Erasmus

Ein prägendes Element meines Aufenthalts war die sogenannte Erasmus-Bubble. Die Kurse bestanden ausschließlich aus internationalen Studierenden, wodurch der Kontakt zu einheimischen Studierenden begrenzt blieb. Zwar nahm ich zu Beginn an einem Mentoring-Programm teil und lernte einen ungarischen Jurastudenten kennen, doch dieser Kontakt verlief sich mit der Zeit. Rückblickend bedaure ich ein wenig, dass ich weniger Einblicke in das lokale studentische Leben gewinnen konnte. Dieses Phänomen scheint jedoch kein Einzelfall zu sein, sondern eher typisch für viele Erasmus-Städte. Auch in Deutschland hatte ich nur selten Kontakt zu internationalen Studierenden. Ungarisch lernte ich in der kurzen Zeit ebenfalls nicht, obwohl entsprechende Kurse angeboten wurden. Im Alltag stellte dies jedoch kaum ein Problem dar, da viele Menschen in Budapest gut Englisch sprechen.

5. Das Leben in Budapest

Budapest hat viel zu bieten. Die ersten Wochen waren noch sommerlich, das Leben in der Stadt war lebendig und vielfältig. Die bereits erwähnte Erasmus-Bubble trug enorm dazu bei, dass ich mich nie allein fühlte. Meine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner waren ebenfalls Erasmus-Studierende aus Deutschland und Italien. Aus diesem Zusammenleben entstand eine Freundschaft, die bis heute anhält. Wöchentlich gab es Veranstaltungen von ESN, vieles davon in Bars und Clubs (im Herbst 2020 hat sich das wirklich falsch angefühlt, war dort aber Normalität). Wir hatten auch ausreichend Möglichkeit, gemeinsam die (pandemiebedingt leergefegte) Stadt kennenzulernen. Wir waren in Thermalbädern, im Parlament, auf der Margareteninsel, in verschiedenen Museen. In meiner Freundesgruppe organisierten wir auch gemeinsame Wochenendurlaube in Nationalparks und am Balaton-See. Auch neben der Uni war das Leben dort also sehr schön.  Schade war es natürlich trotzdem, dass mich aufgrund der Grenzschließungen niemand von meinen Freundinnen aus Deutschland besuchen konnte.

6. Fazit

Den konkreten Einfluss des Auslandssemesters auf meine berufliche Laufbahn kann ich derzeit noch nicht abschließend beurteilen, da ich mich noch im Referendariat befinde. Sicher ist jedoch, dass die Erasmus-Erfahrung viele Menschen verbindet und immer wieder Anlass für bereichernde Gespräche bietet. Persönlich war dieses halbe Jahr für mich von unschätzbarem Wert. Ich habe Freundschaften geschlossen, neue Perspektiven gewonnen und eine intensive, unvergessliche Zeit erlebt. Nicht zuletzt bot mir das Auslandssemester eine willkommene Auszeit vom oft sehr fordernden Jurastudium. Gerade im Hinblick auf die Examensvorbereitung, die häufig als „Tunnel“ erlebt wird, erscheint mir diese Unterbrechung besonders wertvoll.

Mein Fazit ist daher eindeutig: Es lohnt sich, den Schritt ins Ausland zu wagen, auch wenn er zunächst mit Unsicherheiten verbunden ist. Für mich hat es sich in jeder Hinsicht ausgezahlt.

Theresa Lebert

Ich habe Jura in Würzburg studiert, wo ich im Rahmen meines Studiums ein Auslandssemester in Budapest absolvierte, bevor ich mein Referendariat in Dresden mit der Wahlstation im Deutschen Bundestag in Berlin abschloss. Neugierig und mit echter Begeisterung für unser Rechtssystem strebe ich nun den Berufseinstieg in Berlin an.