AT DE

Grachten statt Gutachtenstil - Mein LL.M. in Amsterdam

Ein LL.M. im Europarecht in Amsterdam steht für internationale Perspektiven, einen intensiven Studienalltag und eine Studienkultur, die juristische Denkweisen erweitert. Warum ein Auslands-LL.M. weit mehr ist als ein Titel, zeigt Antonia Erve in ihrem Erfahrungsbericht.

Warum ein LL.M.?

Schon vor dem ersten Staatsexamen stand für mich fest, dass ich einen LL.M. machen möchte. Während meines Jurastudiums hatte mir vor allem der internationale Bezug gefehlt, insbesondere zur englischen Sprache, die mir schon immer Spaß gemacht hat. Abgesehen von einem einzelnen Kurs zum anglo-amerikanischen Recht war alles national geprägt. Nach dem Examen wollte ich deshalb bewusst aus der gewohnten Jura-Bubble heraus und etwas völlig Neues erleben. 

 

Die Entscheidung für Amsterdam

Mit dem Wunsch nach Internationalität war auch das Rechtsgebiet für meinen LL.M. schnell klar: Europarecht. Spätestens seit meinem Schwerpunktstudium wusste ich, dass mich das Rechtsgebiet sehr interessiert. Besonders der politische Bezug macht mir Spaß.

Dann folgte die Frage nach dem passenden Studienort. Nach einiger Recherche und Überlegungen nach Brüssel oder Mailand fiel meine Wahl schließlich auf Amsterdam. Ausschlaggebend waren vor allem das Curriculum, das inhaltlich sehr praxisnah und mit viel Flexibilität in der Kurswahl aufgebaut ist, sowie die Stadt selbst, die mir als Studienort vielversprechend erschien. Hinzu kam, dass die Studiengebühren mit 2.600 € im Vergleich zu vielen anderen LL.M.-Programmen relativ moderat sind. 

Für die Bewerbung brauchte ich in Amsterdam, wie für alle LL.M. einen IELTS English Test. Den hatte ich schon Ende des vorherigen Jahres gemacht, als ich mit der Planung des LL.M. begann. Dieser war auch mit etwas eigenständiger Vorbereitung auf die Fragearten machbar.  Der Bewerbungsprozess an der Uni verlief dann sehr einfach online. Das schwierigste war noch das JPA zu beauftragen, mein Examenszeugnis direkt an die Universität in Amsterdam zu schicken. Außerdem musste ich mir von der Uni Bonn, an der ich studiert hatte, mein Transcript of Records ins Englische übersetzen und unterschreiben lassen.

Im Juni erhielt ich die Zusage aus Amsterdam und stand damit unmittelbar vor der nächsten großen Herausforderung: der Wohnungssuche.

Wohnungssuche zwischen Hoffnung und Realität

In den Niederlanden herrscht seit Jahren eine angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt. Wohnraum ist knapp und dadurch teuer und schwer zu finden.

Mitte August reiste ich daher mit einem großen Koffer nach Amsterdam, ausgestattet mit einem Zimmer zur Untermiete für genau zwei Wochen,  also bis zum offiziellen Studienstart am 1.9. Gezwungenermaßen blieb ich optimistisch und war mir sicher, vor Ort irgendwie eine Lösung zu finden. 

Zum Glück ging dieser Plan auf ! Am ersten Uni-Tag konnte ich morgens vor der ersten Vorlesung in ein möbliertes WG-Zimmer einziehen. Viel Zeit um anzukommen hatte ich erstmal nicht. 

Studienstart: Willkommen und direkt ins kalte Wasser

Der Studienbeginn wurde Ende August durch ein Welcome Event eingeleitet. Ca. 70 Studierende haben mit mir begonnen. Nach einer Einführung gab es Drinks und Snacks, wodurch man schnell erste Kontakte knüpfen konnte.

Nur zwei Tage später starteten die Vorlesungen  und bereits nach dieser ersten Woche fühlte ich mich deutlich gefordert. Die wöchentlichen Reading Lists waren umfangreich, und ab der zweiten Woche mussten zweimal pro Woche 400-Wörter-Assignments abgegeben werden. 

Im Vergleich zum deutschen Studium, in dem man die ersten Wochen meist ruhiger angehen kann, bedeutet das einen direkten Einstieg ohne Anlaufphase, von null auf hundert.

Da ich in den ersten zwei Wochen allein in meiner neuen WG war und noch kein WLAN hatte, verbrachte ich viel Zeit in der Bibliothek und in umliegenden Cafés, um mit dem Arbeitspensum Schritt zu halten. Es waren ganz neue Arten von Aufgaben, die ich aus dem deutschen Jurastudium noch gar nicht gewohnt war. Auch für die Tutorials, vergleichbar mit den Arbeitsgemeinschaften im Jurastudium, wurde eine umfassende Vorbereitung erwartet. 

Englisch im Studienalltag

Ich war mit einem Selbstvertrauen in Bezug auf meine Englischkenntnisse gestartet. Durch einen früheren Auslandsaufenthalt und den kontinuierlichen Kontakt mit der Sprache während des Studiums fühlte ich mich gut vorbereitet. Außerdem lag ich mit meinem IELTS Test Ergebnis über dem, was für die Universität in Amsterdam gefordert wurde. 

Trotzdem war es am Anfang herausfordernd für mich. Fachliteratur, juristische Terminologie und Diskussionen auf akademischem Niveau führten dazu, dass ich anfangs sehr viel nachschlagen musste und das Gefühl hatte, eine neue Sprache zu lernen. 

Nach inzwischen über vier Monaten kann ich jedoch sagen, dass ich gut angekommen bin: Der Umgang mit dem Workload fiel mir schon nach 2 Monaten leichter, und auch das neue Vokabular ist mir jetzt deutlich vertrauter.

Internationalität und Studienkultur

Ein besonderes Highlight des LL.M.-Studiums für mich ist die internationale Zusammensetzung des Studiengangs. Ich habe Kommilitoninnen und Kommilitonen aus zahlreichen europäischen Ländern kennengelernt, was den Austausch enorm bereichert. Diese Vielfalt wird auch aktiv in den Lehrveranstaltungen genutzt, etwa wenn unterschiedliche nationale Regelungen miteinander verglichen werden. Viele haben, wie ich, vorher nationales Recht studiert und wollen sich nun im Europarecht spezialisieren. Es sind aber auch viele dabei, die vorher Politikwissenschaften oder European Studies studiert haben und sich jetzt mehr auf Recht spezialisieren wollen. 

Generell empfinde ich das Studienklima als sehr angenehm. Die Professorinnen und Professoren sind nahbarer, lassen sich meist beim Vornamen nennen und stehen in engem Kontakt mit den Studierenden. 

Auch die Prüfungs- und Aufgabenformate sind deutlich vielfältiger als im deutschen Studium. Neben klassischen Klausuren habe ich bereits ein Research Proposal und einen Blogpost verfasst. Besonders spannend war zudem eine Law-Making-Simulation, in der wir Verhandlungen über einen Gesetzgebungsvorschlag der Europäischen Kommission simuliert und intensiv diskutiert haben.

Anfang Dezember wurde ich auch zu einem Student Panel eingeladen. Dort waren neben mir noch vier andere Studierende zufällig ausgewählt worden und wir wurden von dem Professor, welcher den Master koordiniert, befragt, wie uns das Studium gefällt. Er hat uns viele Fragen gestellt über die Kurse, das Material, den Arbeitsaufwand, das Lehrpersonal, aber auch wie uns die Räumlichkeiten an der Uni gefallen und wie das Miteinander unter den Studierenden ist. Das hat mir nochmal gezeigt, wie unterschiedlich die Kultur der Universitäten in den Ländern ist, so ein Gespräch wäre an meiner Uni in Deutschland nicht vorgekommen. 

Leben in Amsterdam neben der Uni

Menschlich bin ich hier schnell angekommen. An der Uni habe ich viele tolle Leute kennengelernt, sowohl internationale Kommilitoninnen und Kommilitonen aus ganz Europa als auch andere deutsche Studierende. Durch Gruppenarbeiten, gemeinsame Lernphasen und Treffen nach der Uni haben sich schnell Freundschaften entwickelt. Gerade in einer neuen Stadt ist es unglaublich schön, Menschen um sich zu haben, die das Gleiche erleben und mit denen man den Alltag teilen kann, sei es in der Bibliothek, beim Kaffee oder abends in einer Bar.

Auch abseits der Universität hat Amsterdam viel zu bieten. Die Stadt lädt mit ihren Cafés, Boutiquen und Grachten zu Spaziergängen und kleinen Auszeiten ein. In meiner Freizeit probiere ich gerne verschiedene Yoga-, Pilates- und Spinningkurse aus, alles auf Englisch natürlich. Niederländisch muss man im Alltag nicht zwingend sprechen, um sich zurechtzufinden. Dennoch bietet es sich natürlich an, zumindest einige Grundlagen zu lernen.

​Das Nachtleben ist auch vielfältig: Von Clubs über Kneipen bis hin zu coolen Rooftop- Bars ist jeden Tag etwas möglich. Trotz des aufwendigen Studiums bleibt dafür natürlich auch ausreichend Zeit.

Amsterdam hat auch viele tolle Museen, die man an regnerischen Tagen entdecken kann, von denen es leider einige gibt. Aber langweilig wird einem hier sicherlich nie! In der Stadt gibt es auch dauernd Veranstaltungen wie das Amsterdam Dance Event oder das Lights Festival. 

Bei gutem Wetter ist auch ein Tagesausflug aus der Stadt ans Meer problemlos machbar, und für die kommenden Monate stehen noch einige weitere niederländische Städte auf meiner persönlichen Bucket List. 

Der LL.M. im Europarecht in Amsterdam war für mich genau die richtige Entscheidung. Die ersten Monate waren intensiv und herausfordernd, haben mir aber fachlich, sprachlich und persönlich viel gebracht. Inzwischen bin ich gut im Studienalltag angekommen und fühle mich sicher im Umgang mit Workload und Inhalten.

Als nächster Schritt steht nun die Masterarbeit an und damit mit dem letzten Abschnitt meines LL.M.-Studiums in Amsterdam. Bevor ich an den Abschied denke, freue ich mich aber erstmal auf das Frühjahr, in dem noch viele aufregende Sachen anstehen.

Antonia Erve

Antonia Erve ist seit August 2025 im Social Media Team der Paragraphinnen. Sie schloss im November 2024 ihr erstes Staatsexamen in Bonn ab und arbeitete danach bis zu ihrem LLM in Amsterdam als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Kanzlei für öffentliches Wirtschaftsrecht in Köln. Sie plant im Herbst 2026 mit ihrem Referendariat zu starten.