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The Search: Jura meets Code

Sie hat alles verkauft, was sie festhielt, ist um die Welt gereist – und hat nebenbei eine KI-Plattform für die deutsche Anwaltschaft gebaut. Ein Gespräch über Mut, Technologie und den eigenen „Search“.

Wie war Dein Weg in die Anwaltschaft, und was hat Dich dazu bewogen, Dich auf IT und Datenschutz zu spezialisieren?

Ich bin in Namibia aufgewachsen und für das Jurastudium nach Deutschland gekommen – meine erste große Auswanderung. Nach dem zweiten Staatsexamen bin ich direkt als Anwältin eingestiegen.  Genau zu der Zeit, als die DSGVO in Kraft trat.

Nur Jura allein hat mir schnell nicht mehr gereicht. Ich gebe zu, ich bin ein Nerd: Code, Zahlen und Mathematik haben mich schon immer fasziniert. Deshalb habe ich mir für meine Promotion bewusst einen Informatiker als Doktorvater gesucht.

Das dezentrale System der Blockchain hat mich sofort gepackt – vor allem wegen der Autonomie. Da kam ein bisschen der Crypto-Punk-Spirit durch; eine gewisse Rebellion gegen starre Systeme kann ich nicht leugnen. Meine Promotion über Datenschutz in Blockchains war viel mehr als nur Forschung. Sie hat mir final bewiesen: wo Code und Recht aufeinandertreffen, liegt mein Sweet Spot.

 

Wie kam es zu Deiner Idee, im Bereich Legal Tech eine eigene KI Plattform und damit Dein eigenes Unternehmen zu gründen?

Man muss ehrlich sagen: Die Digitalisierung der Anwaltschaft geht noch schleppend voran. Dabei gehören Jura und Technologie untrennbar zusammen. Ich wollte hier nicht nur zuschauen, sondern aktiv gestalten.

Ich scheue mich nicht davor, auch mal radikale, unkonventionelle Wege zu gehen, beruflich wie privat. Ich habe mitten in meiner Karriere alles verkauft, was mich festhielt, meine Laufbahn quasi in den Rucksack gepackt und bin um die Welt gereist, um zu surfen. Nach Stationen in Mittelamerika, Afrika und Südeuropa lebe und arbeite ich heute in Portugal. Mein Antrieb ist das, was man in der Surfszene ‚The Search‘ nennt: die lebenslange Suche nach der perfekten, noch unberührten Welle. Genau dieses Mindset übertrage ich auf meinen Beruf: Ich verlasse mich nicht auf Standardwege, sondern finde die beste Lösung oft dort, wo andere gar nicht hinschauen.

Auf dem deutschen Markt gab es kein Tool, das den amerikanischen Legal-AI-Vorbildern das Wasser reichen konnte. Wir haben hier zwar Tech-Riesen mit extremem Funding oder Verlage mit riesigen Bibliotheken im Rücken, aber eine Lösung, die wirklich zuhört und exakt das entwickelt, was die deutsche Anwaltschaft  braucht, hat gefehlt.

Deshalb haben wir PyleHound gegründet. Wir sind komplett bootstrapped und entwickeln genau das, was unsere Kund:innen sich wünschen. Dabei ist es mir extrem wichtig, dass wir sie mit der Technik nicht alleine lassen. Wir unterstützen sie bei der Implementierung und lernen kontinuierlich voneinander, um gemeinsam das Maximum herauszuholen.

 

Alle gunnercooke Partner und Partnerinnen sind selbst Unternehmer/-innen. Inwiefern hat Dich dieses Umfeld bei gunnercooke unterstützt?

Der Vorteil an einer Challenger-Kanzlei wie gunnercooke ist für mich die unternehmerische Freiheit. Ich kann meine Visionen, wie den Launch von PyleHound, frei verfolgen und meine Arbeit nach meinen persönlichen Stärken ausrichten.

Gleichzeitig bin ich keine Einzelkämpferin, sondern Teil einer starken, internationalen Community. Dieses Netzwerk ist für mich der beste Beweis dafür, wie viel Raum für Innovation und neue Impulse in diesem Kanzleimodell steckt. Wir haben ein gemeinsames Verständnis davon, was Unternehmertum bedeutet, und Partnerschaftlichkeit ist hier keine hohle Floskel, sondern wird im Alltag aktiv gelebt.

Das habe ich bei PyleHound auch ganz praktisch gespürt: Meine Kolleg:innen gehörten zu den Ersten, die unser MVP (Minimum Viable Product) getestet und mir wertvolles Feedback gegeben haben. Ein solch konstruktiver Rückhalt ist für mich als Gründerin unbezahlbar.

 

Wie sieht das Alleinstellungsmerkmal von PyleHound aus, und wie nutzen Du und Deine Kollegen das Tool im Alltag?

Das Herzstück von PyleHound ist, dass wir die enorme Geschwindigkeit moderner KI mit den Datenschutzanforderungen unseres deutschen Berufsrechts vereinen. Wir haben einen KI-Assistenten gebaut, der stundenlange Recherchearbeit in Sekunden erledigt. Ein ganz entscheidendes Alleinstellungsmerkmal: PyleHound läuft lokal auf dem Rechner der Nutzer:innen. Wir verzichten bewusst auf eine Cloud-Lösung, um die allerhöchste Datensicherheit und den Schutz sensibler Mandantendaten zu garantieren.

Der technische Kern ist unser „Deep Research Agent“. Er durchsucht Akten und Dokumente Zeile für Zeile, belegt jeden seiner Befunde mit verifizierbaren Quellen und prüft automatisch gegen, ob zitierte Passagen wirklich exakt so im Original stehen. Die Anwender:innen können die Ergebnisse bei jedem einzelnen Schritt der KI sofort selbst überprüfen. So setzen wir das wichtige Prinzip – und unsere berufsrechtliche Pflicht – des „Human in the Loop“ im Kanzleialltag ganz einfach und sicher um. Und statt Dinge zu erfinden oder zu halluzinieren, kommuniziert das Tool transparent, wenn es mal keine gesicherte Antwort liefern kann. Das ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal! Ergänzt wird das Ganze durch eine flexible, automatische Rechtsdatenbank-Recherche.

Im Alltag nutzen meine Kolleg:innen und ich PyleHound extrem vielseitig: beispielsweise bei Due-Diligence-Prüfungen, für das Erstellen und Prüfen von Verträgen, bei komplexen Compliance-Themen oder der intensiven Vorbereitung von Gerichtsverfahren. Das zieht sich quer durch alle Rechtsgebiete der anwaltlichen Praxis.

 

Welche Tipps und Hinweise magst du Anwältinnen mitgeben im Umgang mit Legal Tech?

Habt keine Berührungsängste vor der Technik! Zum Beispiel hat „Prompt Engineering“, also das Verfassen eines konkreten Arbeitsauftrags an das KI-Tool, viel mit unserem klassischen juristischen Denken zu tun.

Eine präzise Sachverhaltsschilderung und das klare Definieren von Rahmenbedingungen decken sich fast eins zu eins mit der Methodik, die wir ohnehin bei jeder rechtlichen Prüfung anwenden. Wer gelernt hat, komplexe Sachverhalte sauber zu durchdringen, bringt bereits das Handwerkszeug mit, um auch KI-Systeme zu steuern.

Und bei aller Faszination für die neuen technologischen Möglichkeiten dürft ihr eines nie vergessen: Euer ethisches Urteilsvermögen, eure Empathie und euer strategisches Verhandlungsgeschick bleiben zutiefst menschliche Kernkompetenzen. Legal Tech ist fantastisch, um uns die repetitive Fleißarbeit abzunehmen, aber diese menschlichen Qualitäten kann keine KI jemals ersetzen.

 

Wie geht es Deinem Unternehmen 1 Jahr nach der Gründung? Wie passt sich PyleHound den rasanten KI-Entwicklungen an?

Großartig! Wir wachsen kontinuierlich und haben mittlerweile ein tolles kleines Team aufgebaut. Und was mir besonders viel bedeutet: Wir haben nicht einfach nur ein Tool entwickelt, sondern auch eine Entität, eine eigene kleine „Gesellschaft“ gegründet. Ich baue ein Unternehmen auf, das seinen Mitarbeitenden echten Raum und Freiheit gibt, ganz nach der Philosophie von gunnercooke, oder eben auch des Patagonia-Gründers: „Let my people go surfing.“ Das passt natürlich perfekt zu mir, so gestalte ich selbst mein Leben.

Ein schönes Highlight steht auch vor der Tür: Wir sind im Juni 2026 auf der AdvoTech auf dem Deutschen Anwaltstag in Freiburg vertreten. Darauf freue ich mich riesig, denn es ist eine wunderbare Gelegenheit,  mal ganz „analog“ persönlich mit unseren Nutzer:innen in den Austausch zu gehen.

Was die KI-Entwicklungen angeht: Die spielen uns in die Karten! Wir haben unsere technologische Architektur sehr flexibel aufgestellt in der Wahl der zugrundeliegenden LLMs (Large Language Models). Das bedeutet, dass unsere Alleinstellungsmerkmale durch neue, bessere generische KI-Modelle auch besser werden: Je leistungsstärker die Basis-Modelle, desto stärker wird auch PyleHound.

 

Welche besonderen Herausforderungen hast Du zu meistern als Anwältin und Gründerin? Worin liegen für Dich die Vorteile dieser Kombination?

Was beide Rollen gemeinsam haben: Ich bin in beiden Fällen durch und durch Unternehmerin. Die wohl größte Herausforderung dabei ist, dass man sein Business Development komplett in die eigene Hand nehmen muss. Es gibt keinen vorgegebenen Karriereweg und erst recht kein gemachtes Nest. Doch das empfinde ich nicht als Last, sondern als echte, wertvolle Freiheit. Der Gewinn dieser Doppelrolle ist enorm: Ich berate meine Mandant:innen nicht nur mit theoretischer juristischer Expertise, sondern mit der gelebten Perspektive einer Gründerin. 

Außerdem denke ich wie eine Produktentwicklerin. Das verschiebt den Fokus von der klassischen Einzelfallprüfung hin zur Skalierbarkeit. Wenn man an der Entwicklung von Legal-Tech-Tools arbeitet, sucht man fast automatisch nach Mustern und technologischen Lösungen für wiederkehrende rechtliche Hürden oder systemische Probleme.

 

Du lebst in der Nähe von Lissabon und bist viel auf Reisen. PyleHound hat seinen Sitz in München, gunnercooke hat seinen Hauptsitz in Berlin.  Welchen Einfluss hat es auf Deinen Alltag als Anwältin, so viel unterwegs zu sein?

Einen wunderbaren Einfluss! Das Reisen  an unterschiedlichen Orten und die Arbeit mit den unterschiedlichsten Menschen geben mir unglaublich viel Energie – deutlich mehr, als sie mich kosten. Die Pflicht zu einem physischen Kanzleisitz wirkt auf mich wie ein Anachronismus. Leider bremst das traditionelle Berufsrecht flexible Kanzleimodelle manchmal noch aus. Dabei wird das  meiste heute ohnehin komplett digital abgewickelt. Für meine Mandant:innen, Kund:innen und Partner:innen spielt es absolut keine Rolle, von wo aus ich meinen Laptop aufklappe.

 

Eine klassische Frage bei den Paragraphinnen: Was hättest Du zu Beginn Deiner Karriere gerne gewusst, worum Du heute klüger bist? Und wie lautet Dein Herzenstipp für junge Juristinnen?

Dass man nicht in die klassischen Schablonen passen muss, um als Juristin erfolgreich zu sein. Findet euren eigenen „Search“ und habt keine Angst davor, neue Wege zu gehen! Ihr müsst euch nicht zwischen verschiedenen Rollen entscheiden. Ich bin Anwältin, Surferin, Reisende, Feministin und Unternehmerin. Nutzt die neuen, flexiblen Arbeitsmodelle und Technologien, um euch die Karriere aufzubauen, die zu eurem Leben passt, und nicht umgekehrt.

Dr. Franka Becker

Dr. Franka Becker ist Anwältin und Unternehmerin an der Schnittstelle von Recht und Technologie. Mit PyleHound hat sie ein eigenes Legal-Tech-Tool auf den Markt gebracht, das KI und juristische Präzision zusammenbringt. Sie lebt in Portugal, und wenn sie nicht arbeite, ist sie mit ihrem Surfbrett unterwegs.