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Vom Examen ins Business

Drei praxisnahe Denkanstöße für den Sprung in die Organisationsrealität.

Ich weiß noch ziemlich genau, wie sich die Zeit nach dem Examen für mich angefühlt hat:
erleichtert, stolz und mit dem Gefühl, jetzt wirklich „ready“ für die Praxis zu sein.

Ich dachte ehrlich, ich wüsste ziemlich genau, wie juristisches Arbeiten funktioniert.

Dann kam der Einstieg in eine Rechtsabteilung.

Und dort war vieles anders.

Meetings liefen nach Strukturen, die andere Fachbereiche vorgaben. Gespräche folgten Dynamiken, die ich zunächst kaum greifen konnte. Und meine sorgfältig vorbereiteten rechtlichen Einschätzungen waren zwar wichtig, aber nicht automatisch der Mittelpunkt der Diskussion.

Stattdessen ging es um Fragen wie:
„Können wir das jetzt machen oder nicht?“
„Was bedeutet das für unseren Kunden?“
„Können wir den Go-live trotzdem halten?“

Oft waren intern oder gegenüber Kund:innen bereits Erwartungen gesetzt, Zusagen gemacht oder Prozesse gestartet.

Die juristische Perspektive war deshalb nicht der Ausgangspunkt von Diskussionen, sondern Teil eines laufenden Systems.

Das verändert auch die eigene Rolle.

Es geht nicht mehr nur darum, juristisch richtige Antworten zu geben, sondern Zusammenhänge zu verstehen, Lösungen zu übersetzen und Entscheidungen möglich zu machen.

Die folgenden drei Denkanstöße hätten mir damals geholfen, diesen Perspektivwechsel früher zu verstehen.

1. Du arbeitest nicht an Fällen, sondern in einem System

Im Studium ist ein Fall in sich geschlossen.

Alle Informationen liegen vor, alle Perspektiven sind (zumindest theoretisch) bekannt.

In Organisationen ist das anders.

Die Themen, mit denen du arbeitest, sind eingebettet in Interessen, Abhängigkeiten und Dynamiken. Nicht alles ist sichtbar, nicht alles wird ausgesprochen.

Wenn eine Fachabteilung ein Projekt schnell umsetzen möchte, geht es selten nur um die juristische Bewertung, sondern auch um Kunden, Zeitdruck oder interne Ziele.

Bevor du bewertest, hilft deshalb oft eine andere Frage:

Was passiert hier eigentlich hinter den Kulissen noch?
Wer treibt das Thema?
Was steht auf dem Spiel?

Diese Fragen sind nicht klassisch juristisch, entscheiden aber oft über die Wirkung deiner Einschätzung.

2. Gute juristische Lösungen sind nicht automatisch wirksam

Im Studium ist die Sache klar: eine gute Lösung ist eine, die juristisch sauber hergeleitet ist.

In Organisationen verschiebt sich dieser Maßstab.

Du wirst Situationen erleben, in denen du eine fundierte Einschätzung gibst und die Diskussion trotzdem weitergeht.

Denn Organisationen wollen selten nur die Rechtslage wissen, sondern vor allem:

„Können wir das überhaupt umsetzen? Und lohnt sich der Aufwand?“

Organisationen bewegen sich dabei oft in einem „sowohl-als-auch“:

Eine Entscheidung kann rechtlich riskant und gleichzeitig wirtschaftlich notwendig sein.
Eine Lösung kann juristisch sauber und trotzdem praktisch nicht umsetzbar sein.

Deshalb reicht es selten aus, nur die Rechtslage darzustellen.

Gerade am Anfang ist das ungewohnt, weil das Studium diese Übersetzungsleistung kaum trainiert, obwohl sie in der Praxis zentral ist.

3. Verstehen kommt vor Bewerten

Ein Schema, das uns verlässlich durchs Studium trägt: Sachverhalt erfassen. Juristisch einordnen. Ergebnis formulieren.

In Organisationen trägt diese Reihenfolge oft nicht allein.

Denn bevor du bewerten kannst, musst du verstehen, was eigentlich passiert. Nicht nur im Sachverhalt, sondern im Kontext.

Oft siehst du nur einen Ausschnitt der Unternehmens-Realität: Informationen sind verteilt, Perspektiven unterschiedlich, Interessen nicht sichtbar.

Deshalb hilft vor einer Bewertung ein Schritt zurück:

Wer hat das Thema eingebracht?
Warum gerade jetzt?
Wer ist betroffen, auch wenn er nicht am Tisch sitzt?

Diese Fragen wirken zunächst ungewohnt, helfen aber dabei, passendere Einschätzungen zu entwickeln.

Denn eine Bewertung ohne Kontext mag juristisch korrekt sein, geht aber an der Realität vorbei.

Fazit

Der Übergang vom Examen in die Praxis ist weniger ein Wechsel des Wissens als ein Wechsel der Denkweise. Weg von klaren „wenn-dann“-Logiken, hin zu einem „sowohl-als-auch“, in dem Kontext, Kommunikation und Wirkung zentral sind.

Genau in diesem Zwischenraum kann die Rolle entstehen, die sich viele Unternehmensjurist:innen wünschen: nämlich nicht nur juristisch zu begleiten, sondern wirklich Teil des Business zu sein.

Jennifer Graf

Jennifer Graf ist Juristin, General Counsel und Gründerin von „Legal Meets Context“. Mit über 20 Jahren Erfahrung im Unternehmensumfeld verbindet sie juristische Expertise mit systemischem Coaching und begleitet Inhouse-Jurist:innen, Rechtsabteilungen und Unternehmen dabei, Recht strategisch in Organisationen zu verankern.