Wie aus einem juristischen Problem mit Legal Design Thinking und Vibe Coding in sechs Schritten ein digitaler Prototyp wird und warum dafür der Advocatus Technologicus gebraucht wird.
Legal Design Thinking, Legal Innovation und Legal AI sind keine getrennten Disziplinen mehr, sie greifen ineinander. Gerade in einer Zeit, in der Digitalisierung und Innovation nicht nur schneller, sondern auch gezielter gefragt sind, stellt sich immer wieder dieselbe Frage: Wie kann die juristische Arbeit nutzerzentrierter, effizienter und zugänglicher gestalten werden?
Die relevanten Themenfelder, Legal Design, Legal Innovation, Legal AI und Legal Prompting sind längst mehr als Trends. Es geht nicht mehr darum, Technologien nur zu adaptieren, sondern darum, sie sinnvoll in die juristische Arbeitsweise zu integrieren. Der technologische Fortschritt stellt Rechtsabteilungen und Kanzleien dabei vor neue Herausforderungen: insbesondere die Frage, wie handlungsfähig und gleichzeitig nutzerzentriert gearbeitet werden kann.
Dabei wird sich auch das Rollenbild verändern. Jurist:innen der nächsten Generation werden nicht nur mit besseren Tools arbeiten, sondern in einer digital neu strukturierten Umgebung juristisch denken und handeln. In diesem Kontext entsteht das Bild eines „Advocatus Technologicus“ als technologisches Äquivalent zum klassischen Advocatus Diaboli.
Der Advocatus Diaboli steht für die bewusste Einnahme einer Gegenposition. Übertragen auf den technologischen Kontext bedeutet das: Wir hinterfragen bestehende Methoden, verlassen bewusst gewohnte Denkweisen und testen neue, technologiegestützte Ansätze. Der Advocatus Technologicus denkt nicht nur juristisch, sondern auch systemisch, kreativ und nutzerorientiert.
Es geht nicht darum, Tools um ihrer selbst willen einzusetzen, sondern darum, mit ihrer Hilfe ein klar identifiziertes Problem besser zu lösen. Genau hier treffen sich Legal Design Thinking und die klassische juristische Methodik: Beide beginnen mit der präzisen Identifikation des Problems. Während das juristische Gutachten strukturiert zur Lösung führt, erweitert Design Thinking diese Perspektive um Nutzerbedürfnisse, Empathie und Interdisziplinarität.
Gerade diese Interdisziplinarität ist entscheidend. Durch den Einbezug unterschiedlicher Perspektiven entsteht ein umfassenderes Verständnis der tatsächlichen Bedürfnisse der Zielgruppe. Ähnlich wie im juristischen Gutachten unterschiedliche Auffassungen abgewogen werden, geht es auch im Design Thinking darum, verschiedene Perspektiven zuzulassen, um die tragfähigste Lösung zu entwickeln.
Der Unterschied: Im Design Thinking gibt es kein „richtig“ oder „falsch“ im klassischen Sinne. Stattdessen steht die Frage im Mittelpunkt, welche Lösung für Nutzer, Mandanten, Rechtsabteilungen oder Teams tatsächlich funktioniert.

Abbildung: Der Design Thinking Prozess Quelle: Die sechs Schritte im Design Thinking Innovationsprozess, Hasso-Plattner-Institute, https://hpi.de/school-of-design-thinking/design-thinking/hintergrund/design-thinking-prozess.html
Legal Design Thinking ist ein Innovationsansatz, der Methoden aus dem Designbereich auf juristische Fragestellungen überträgt. Ziel ist es, nicht nur technologische Lösungen einzuführen, sondern nachhaltige, nutzerzentrierte Ansätze für die Herausforderungen der Rechtsbranche zu entwickeln.
Um die Verbindung zu Legal AI und Vibe Coding greifbar zu machen, betrachten wir ein Beispiel:
Wie könnte ein Advocatus Technologicus einen Green-Contracting-Assistenten (ESG-Klausel-Check) entwickeln?
In der ersten Phase des Design-Thinking-Prozesses geht es darum, die Nutzer besser zu verstehen und das eigentliche Problem klar zu erfassen. Dafür bringen interdisziplinäre Teams unterschiedliche Perspektiven ein. So entsteht ein umfassenderes Bild der Herausforderungen und Bedürfnisse.
Gerade Jurist:innen hilft diese Phase dabei, sich stärker in die Perspektive der Mandanten oder anderer Beteiligter hineinzuversetzen. Ziel ist es, nicht nur die Symptome eines Problems zu sehen, sondern seine Ursachen zu erkennen.
Auf unseren Green-Contracting-Assistenten übertragen bedeutet das: Zunächst führen wir Interviews und bilden Fokusgruppen, um herauszufinden, wo im Vertragsprozess die größten Hürden liegen.
Dabei wird schnell deutlich: Der Einkauf schließt täglich viele Lieferantenverträge ab, die Rechtsabteilung kommt mit der Prüfung neuer ESG- und Lieferkettenanforderungen kaum hinterher, und Verträge bleiben häufig tagelang liegen. Der Einkauf ist frustriert, die Rechtsabteilung durch Routineprüfungen belastet.
In der zweiten Phase des Design-Thinking-Prozesses steht die Eingrenzung des eigentlichen Problems im Mittelpunkt. Nachdem in der ersten Phase die Bedürfnisse und Herausforderungen der Nutzer bereits herausgearbeitet wurden, geht es nun darum, diese Erkenntnisse weiter zu verdichten. Durch Gespräche und den Austausch relevanter Informationen erkennen die Beteiligten, welche Aspekte für die Nutzer besonders wichtig sind und wo der konkrete Handlungsbedarf liegt. Auf dieser Grundlage lässt sich das Problem präziser formulieren.
Die Problemdefinition könnte daher lauten:
„Wie können wir den Einkauf so unterstützen, dass er Lieferverträge zunächst selbst auf grundlegende ESG-Konformität prüfen kann, damit die Rechtsabteilung entlastet wird und die Prüfung frühzeitig im Prozess beginnt?
In der dritten Phase des Design-Thinking-Prozesses werden die zuvor gewonnenen Erkenntnisse zusammengeführt. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Visualisieren, das im Design Thinking eine wichtige Methode darstellt. Durch einfache Darstellungen wie Post-its, Skizzen und Sketchnotes lassen sich Ideen und Konzepte für das Team und die Nutzer klar und nachvollziehbar machen. Diese Visualisierungen dienen nicht nur der Präsentation, sondern schaffen zugleich eine belastbare Grundlage für die nächste Phase des Prozesses.
Aus dieser Synthese ergibt sich für unser Beispiel folgende Perspektive:
„Der Einkauf benötigt ein intuitives, rechtssicheres Werkzeug zur Erstprüfung von ESG-Klauseln, weil die Detailprüfung durch die Rechtsabteilung angesichts neuer Regulierungen immer mehr Zeit in Anspruch nimmt und Abläufe verlangsamt.
Die Phase der Ideenfindung (Ideation) lebt von Kreativität und dem bewussten Aufbrechen konventioneller Denkmuster. Um diese kreative Dynamik zu nutzen, setzen wir auf Design-Thinking-Methoden wie klassisches Brainstorming oder vergleichbare Techniken. Anstatt direkt mit der Umsetzung oder dem Codieren zu beginnen, nutzen wir diese Phase, um verschiedene Lösungsansätze visuell – etwa mittels Post-its und Mindmaps – zu entwickeln.
Ziel ist es, die Brücke zwischen dem zuvor definierten Problem und einer passenden Lösung zu schlagen: Welches Tool befähigt den Einkauf am besten, die neuen ESG-Regulatorien eigenständig zu handhaben?
Für das folgende Beispiel nutzen wir einen Green-Contracting-Assistenten, also ein Tool zur ESG-gestützten Erstprüfung von Lieferantenverträgen.
Nach der Phase der Ideenfindung folgt im Design Thinking die Prototypenphase, in der die zuvor entwickelten Konzepte konkretisiert und in erste greifbare Entwürfe überführt werden. In dieser Phase werden theoretische Ansätze in praktische Umsetzungen verwandelt, damit die Lösung für potenzielle Anwender sichtbar und testbar wird.
Gerade an dieser Stelle zeigt sich die Verbindung zwischen Legal Design Thinking und Vibe Coding besonders deutlich: Aus einer klar definierten Problemstellung entsteht nicht nur ein Entwurf, sondern direkt ein digitaler Prototyp, der sich mit KI-Unterstützung schnell umsetzen und weiterentwickeln lässt. Vibe Coding beschreibt dabei eine Arbeitsweise, bei der die Richtung, Logik und gewünschte Nutzererfahrung in natürlicher Sprache beschrieben werden, während die KI die technische Umsetzung übernimmt
Früher bedeutete klassisches Coding, dass jede Zeile selbst geschrieben und technisch beherrscht werden musste. Heute reicht oft ein präziser Prompt, um eine erste funktionierende Version zu erzeugen, die anschließend getestet und iterativ verbessert wird. Entscheidend ist dabei nicht, dass der erste Entwurf perfekt ist, sondern dass er schnell sichtbar und anpassbar wird.
Der Prompt für Claude Coding könnte dann zum Beispiel so lauten:
„Claude, erstelle auf Basis unseres Legal-Design-Prototyps eine interaktive Web-App für einen ESG-Due-Diligence-Workflow.
Der Nutzer aus dem Einkauf soll Schritt für Schritt durch drei Phasen geführt werden:
Gestalte das Interface übersichtlich, professionell und in Grün- und Grautönen. Am Ende soll ein klarer Prüfstatus angezeigt werden.“
Als Ergebnis würde dann ein Green-Contracting-Assistent als ESG-Due-Diligence-Check in einer ersten funktionalen Version wie in dem Video aussehen – Tool erstellt über Claude: https://claude.ai/
Im letzten Schritt des Design-Thinking-Prozesses wird der Prototyp mit den Nutzerinnen und Nutzern getestet. Dabei steht der direkte Austausch im Mittelpunkt: Die Beteiligten probieren die Lösung aus, geben Feedback und zeigen, wo noch etwas unklar ist oder nicht gut funktioniert. Auf dieser Grundlage wird der Prototyp Schritt für Schritt verbessert und an die tatsächlichen Bedürfnisse der Zielgruppe angepasst.
Gerade im Legal-Design-Prozess ist diese Phase besonders wichtig. Denn rechtliche Dokumente und Prozesse müssen nicht nur inhaltlich korrekt, sondern auch verständlich und zugänglich sein.
Im Kontext von Vibe Coding wird dieser Schritt noch effizienter. Da der Prototyp nicht klassisch programmiert, sondern KI-gestützt weiterentwickelt wird, lassen sich Anpassungen oft direkt im Testgespräch vornehmen. Wenn die Nutzerinnen und Nutzer merken, dass eine Formulierung unverständlich ist oder ein Schritt im ESG-Prüfprozess fehlt, kann der Prototyp mit präzisen Prompts sofort überarbeitet und erneut getestet werden.
Legal Design Thinking hat das Potenzial, die Rechtsbranche grundlegend zu verändern, weil es den Zugang zum Recht und die Nutzung juristischer Dienstleistungen verständlicher und zugänglicher macht. Die Methode verbindet die Prinzipien des Design Thinking, insbesondere Empathie, Nutzerzentrierung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Kreativität mit der traditionellen Rechtsberatung.
Eine der bedeutendsten Entwicklungen, die Legal Design Thinking mit sich bringt, ist die erhöhte Zugänglichkeit von Rechtsdienstleistungen. Am Beispiel unseres Green-Contracting-Assistenten wird deutlich, wie solche Ansätze nicht nur die Vermittlung von Inhalten erleichtern, sondern auch das Vertrauen in rechtliche Prozesse stärken können.
An dieser Stelle stellt sich jedoch eine berechtigte Frage: Wenn ich einer Künstlichen Intelligenz wie Claude nur noch beschreiben muss, was das Team will, wozu brauche ich dann überhaupt noch Design Thinking?
Die Antwort ist einfach: Weil Vibe Coding zwar einen schnellen Einstieg ermöglicht, aber ohne vorherige Problemklärung leicht die Annahme entstehen kann, man könne in kurzer Zeit ein perfektes Tool für ein Problem bauen, das noch gar nicht präzise verstanden wurde. Claude oder andere KI-Tools setzen genau das um, was gepromptet wird. Sie wissen aber nicht, ob das Tool im Alltag tatsächlich funktioniert, ob die Schnittstelle verständlich ist oder ob das eigentliche Nutzerproblem überhaupt richtig erfasst wurde.
Die neue Formel lautet deshalb nicht entweder Design Thinking oder Vibe Coding, sondern beides in sinnvoller Reihenfolge: erst das Problem richtig verstehen, dann die Lösung schnell und präzise umsetzen. Vibe Coding ersetzt also nicht das menschliche Verständnis für das Problem, sondern beschleunigt die technische Umsetzung einer bereits durchdachten Lösung.
Abschließend lässt sich sagen: Legal Design Thinking kann die Art und Weise, wie juristische Dienstleistungen erbracht und wahrgenommen werden, nachhaltig verändern. Indem die Methode die Bedürfnisse und Perspektiven der Rechtssuchenden in den Mittelpunkt stellt, trägt sie dazu bei, das Recht zugänglicher, verständlicher und nutzerfreundlicher zu machen.
Eine unersättliche Neugier, das Experimentieren und das Arbeiten mit unkonventionellen Methoden, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, sie selbst zu durchdenken und auszuprobieren – das wird langfristig dazu führen, als Advocatus Technologicus zu dem Fortschritt beizutragen.
Büsra Bayzat ist Legal Designerin und bringt ihre juristische Expertise seit mehreren Jahren in den Bereichen Legal Tech, Legal Design und Legal Innovation ein.
Ihr Fokus liegt auf der Demokratisierung des Rechtssystems und einem grundlegenden Mindset-Wandel in der juristischen Praxis. Dabei verbindet sie juristische, technologische und wirtschaftliche Perspektiven. Sie ist Mitglied der Global Shapers Community des World Economic Forum und engagiert sich dort für die Sustainable Development Goals, insbesondere für Peace, Justice and Strong Institutions. Als Climate Reality Leader setzt sie sich zudem für Nachhaltigkeit ein.