Juristinnen begegnen im Berufsalltag subtilen Hürden, die oft auf veralteten Rollenbildern basieren. Gerade in einem Umfeld, in dem Vertrauen und Autorität entscheidend sind, spielt die Stimme eine zentrale Rolle: Sie vermittelt Haltung, Präsenz und Kompetenz – lange bevor juristisches Fachwissen greift.
Frauen stehen mit beiden Beinen im Gerichtssaal. Sie sind aus dem juristischen Betrieb nicht mehr wegzudenken. Historische Vorbilder mit Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen von Lidia Poët über Erna Scheffler hin zu Ruth Bader Ginsburg haben den Weg freigekämpft und mehr als bewiesen, dass Frauen den Männern auf dem juristischen Parkett in nichts nachstehen. So weit, so gut, so gleichberechtigt.
Dennoch bleiben im heutigen Arbeitsalltag immer wieder Spuren des Patriarchats zurück: Formen der Diskriminierung, von denen einige auch unbewusst ablaufen. Sie sind nicht direkt sichtbar, man kann nicht mit dem Finger auf sie zeigen und sie lassen sich selten beweisen. Eigentlich: „The perfect crime“.
Menschen, die juristischen Beistand suchen, müssen sich auf den ersten Blick dazu in der Lage sehen, Vertrauen zu denjenigen zu fassen, die eine juristische Dienstleistung anbieten. Eine Privatperson, die eine Anwältin aufsucht, befindet sich meistens in einer Notlage. Dabei ist es entscheidend, ob Vertrauen vorhanden ist und Kompetenz transportiert wird. Aber auch Entscheider in wirtschaftlichen Zusammenhängen wollen ihre Anliegen gerne in den besten Händen sehen. Hierin unterscheiden sich B2B- von B2C-Dienstleistungen nicht. Juristische Kompetenz können Laien nicht erkennen, schon gar nicht auf den ersten Blick. Nicht nur Anwältinnen müssen deswegen Vertrauen auf andere Art und Weise gewinnen als mit juristischem Know-how. Ihr Auftritt muss stimmen. Das ist eine Frage des Personal Brandings.
Hier greifen trotz aller Fortschritte oftmals internalisierte Misogynie und althergebrachte Diskriminierung. Frauen werden mit Wärme, Warmherzigkeit, Freundlichkeit etc. in Verbindung gebracht – als typisch weiblich wahrgenommene Tugenden: seit Jahrhunderten tradierte Vorstellungen, die aus den Köpfen der Menschen nur schlecht herauszubekommen sind. Für das Gewinnen von Vertrauen sind dies durchaus gute Eigenschaften. Aber mit Durchsetzungsfähigkeit, Überzeugungskraft und Standhaftigkeit, die es in Verhandlungen und Prozessen braucht, werden eher Männer assoziiert. Deshalb müssen Frauen häufig härter arbeiten, um das zu bekommen, was sie wollen – auch in Bezug auf Mandate.
Für Männer wie für Frauen gilt: Die Stimme ist ein wesentlicher Teil dessen, was andere nach außen hin von der Persönlichkeit wahrnehmen. Der erste Eindruck wird innerhalb von Sekunden gewonnen: Das erste „Guten Tag“, der Händedruck, die Optik einer Person zahlen darauf ein. Wer hier überzeugt, kann sich einen deutlichen Vertrauensvorschuss erarbeiten. Die Stimme spielt dabei die entscheidende Rolle. Sie sollte offen, sympathisch, geradeheraus und rund klingen. Sie muss zum Menschen passen, der sie trägt.
Sprechen Frauen zu hoch, wirken sie schnell niedlich oder im schlimmsten Fall inkompetent. Sprechen sie zu tief, hat das etwas Aufgesetztes. Muss sich jemand vor jedem gesprochenen Wort räuspern, wirkt das unseriös. An Tagen der stimmlichen Beanspruchung durch Plädoyers, Vorträge oder Mandantengespräche ist die Stimme manchmal schlicht müde und matt, wenig glanz- und klangvoll. Dies wird direkt nach außen transportiert und sorgt nicht für Vertrauen und Souveränität.
Gerade bei Frauen wirken sich Sozialisation und Kultur zusätzlich auf die Stimme aus. Hier geht es um die unbewusste Vorstellung davon, wie Frauen zu sein haben. Von klein auf werden Mädchen oft und noch immer dazu erzogen, eher zurückhaltend zu sein, ruhig zu sprechen, nicht zu (vor-)laut zu sein, nicht aufdringlich zu wirken. Deshalb sind weibliche Stimmen oft zu leise und weniger durchsetzungsstark. Damit verliert man im Spiel um Vertrauen und das Vermitteln von Kompetenz wertvolle Punkte.
Deshalb steigt bei Frauen vermeintlich der Bedarf, die Stimme im Alltag zu verstellen. Aber Vorsicht: Das ist gefährlich! Denn eine verstellte Stimme hat einen hohen Preis: Sie wirkt nicht authentisch und wird über Gebühr beansprucht. Im schlimmsten Fall ergeben sich daraus irreparable Schäden an den Stimmbändern. Was also ist zu tun?
Die gute Nachricht ist, dass die Stimme ein echtes Asset im Personal Branding ist, wenn man sie formt und richtig einsetzt. Einen guten Stimmeinsatz kann man erlernen und erarbeiten. Wer die eigene Stimme trainiert und weiß, welche Fehler es zu vermeiden gilt, kann den Klang der eigenen Stimme so herausarbeiten, dass er unverkennbar ist. Damit wird die die Stimme zu einer sympathischen akustischen Visitenkarte.
Stimmliche Probleme können durch den gezielten Einsatz passender Übungen eliminiert werden. Ein guter Stimmeinsatz beginnt mit dem Erlernen der richtigen Atmung. Viele Frauen, die so sozialisiert wurden, dass sie „bloß nicht zu viel Raum einzunehmen haben“, atmen meistens flach in den Brustkorb und ziehen im schlimmsten Fall die Schultern bei der Einatmung hoch. Aus dieser flachen Atmung resultiert eine kleine Stimme, die hauchig, dünn oder weinerlich klingt und immer wieder bricht. Die Kraft reicht somit nicht für einen satten Ton. Wer hier ansetzt, kann bereits viel für eine gute Stimmqualität gewinnen.
Deshalb folgt nun eine Übung zum Mitmachen:
Stellen Sie sich am besten hin, die Beine hüftbreit auseinander. Atmen Sie zunächst zum Vergleich wie gewohnt. Beobachten Sie, wohin die Luft strömt. Bewegen sich Ihre Schultern? Dann atmen Sie ganz bewusst tief in den Körper hinein. Versuchen Sie, die Luft so weit in den Körper hineinströmen zu lassen wie möglich. Die Schultern bleiben gesenkt, der Bauch darf sich ein wenig wölben. Lassen Sie die Luft auch in Ihre Flanken wandern. Neben der Kraft für die Stimme hat die Übung auch einen Effekt auf eine aufrechte Haltung.
Das Erlernen der tiefen Atmung braucht Übung und Zeit, um im Alltag automatisch funktionieren zu können. Aber es lohnt sich! Denn durch die tiefe Atmung nimmt man den Druck heraus: vom Kehlkopf und von den Stimmbändern. Die Kraft für die Stimme muss nicht mehr aus dem Rachenraum kommen. Das vermeidet schnelles Ermüden der Stimme und eröffnet Resonanzräume im gesamten Körper. Diese tragen den authentischen Stimmklang weit in den Raum hinein und erweitern das Stimmvolumen, ohne Druck auf den Kehlkopf auszuüben. Mit der tiefen Atmung können also bereits viele Benefits gewonnen werden.
Bei gezielter Arbeit mit Law & Voice – Stimmbildung für Juristinnen und Juristen wird das volle Potenzial einer Stimme gehoben. Stimmcoaching findet hier auch anhand des Mediums Gesang statt. Dies empfinden viele Menschen zunächst als irritierend, allerdings sei gesagt: Es geht dabei nicht darum, zu einer Sängerin ausgebildet zu werden. Vielmehr werden Techniken erlernt, die beim Gesang natürlicher und schneller funktionieren. Dann können sie auch beim Sprechen umso einfacher abgerufen werden, von einer wirksamen Kieferöffnung bis hin zum Weithalten des Halses, so dass die Stimmbänder frei schwingen und so den bestmöglichen Klang entfalten können. Erst dann wirkt die Stimme maximal authentisch und vertrauenerweckend.
Außerdem hat der Einsatz von Gesang einen versteckten Benefit: Beim Singen werden Glückshormone freigesetzt und Stresshormone eliminiert – Wellness als Nebenprodukt der effektiven und zielgerichteten Stimmbildung.
Die Arbeit an der eigenen Stimme lohnt sich daher für alle Juristinnen. Eine wohlklingende und sympathische Stimme unterstreicht maßgeblich die eigene Persönlichkeit und somit den USP . Jede Stimme ist individuell und einzigartig und kann zum unverwechselbaren und wohlklingenden Markenzeichen ausgebildet werden. Denn: What sounds beautiful is good!
So wird das Branding besonders personal. Das bemerken auch die (potenziellen) Mandantinnen und Mandanten. Der persönliche Erfolg und die Zufriedenheit als Juristin werden hiermit maßgeblich gesteigert.
Für Männer wie für Frauen gilt: Die Stimme ist ein wesentlicher Teil dessen, was andere nach außen hin von der Persönlichkeit wahrnehmen.
Ute Bolz-Fischer
Ute Bolz-Fischer ist Stimmbildnerin, Sängerin und Musikwissenschaftlerin. Als Inhaberin von Law & Voice hat sie sich auf Stimmcoaching für Juristinnen und Juristen spezialisiert. Inspiriert durch ihr juristisch geprägtes Umfeld entwickelte sie ein speziell auf die Bedürfnisse von Jurist:innen abgestimmtes Stimmtraining.
